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DOP Originalbeiträge
XXX. Jahrestagung der Deutschsprachigen
Ophthalmopathologen (DOP)
24. und 25. September 2002, Freiburg
Eintrübung einer hydrophilen Intraokularlinse
Dr. Jens Martin Rohrbach
Universitäts-Augenklinik, Schleichstr.12, D-72076 Tübingen
Vorgeschichte:
Im Mai 2001 wurde bei der damals 74-jährigen Patientin am rechten
Auge eine Phakoemulsifikation in lokaler Anästhesie durchgeführt.
Wegen sehr enger Pupille und massiver Vis a tergo mußte die Operation
abgebrochen und am folgenden Tag in ITN zu Ende geführt werden. Es
wurde eine hydrophile IOL* mit +26,5D implantiert. Postoperativ entwickelte
sich eine Fibrinreaktion mit hinterer Synechierung, so daß 10 Tage
später eine Injektion von 0,05 ml (50µg) Actilyse® in die
Vorderkammer vorgenommen wurde. Der weitere Verlauf war zunächst
komplikationsfrei.
Neun Monate später wurde die Patientin erneut vorgestellt, da der
Visus abgefallen und die Kunstlinse getrübt war. Diese wurde deshalb
nach intraokularer Halbierung samt Kapselsack extrahiert. Nach Pars plana-Vitrektomie
erfolgte die Implantation einer sklerafixierten PMMA-IOL.
Seit 30 Jahren ist ein Diabetes mellitus bekannt, der seit 12 Jahren insulinpflichtig
ist und zu einer generalisierten Mikroangiopathie und Polyneuropathie
geführt hat. Beide Augen wurden 1998/99 bei proliferativer diabetischer
Retinopathie mittels Panlaserkoagulation behandelt. Das hier beschriebene
rechte Auge litt zudem unter einem Offenwinkelglaukom. Nach einer Zyklophotokoagulation
ist der intraokulare Druck reguliert. Die Funktion am linken Partnerauge
ist nach Kataraktextraktion mit Implantation einer PMMA-Linse, Zyklokryo-
und Zyklophotokoagulation bei neovaskulärem Glaukom, wiederholter
Glaskörperblutung und traktiver Ablatio auf Lichtscheinwahrnehmung
reduziert.
* Bei der implantierten
hydrophilen Kunstlinse handelt es sich um ein ca. 3 Jahre auf dem Markt
befindliches Produkt eines namhaften Herstellers. Dieser versichert, daß
eine Trübung des hier behandelten Linsentyps bisher nicht bekannt
geworden ist, mithin im Augenblick von einem Einzelfall auszugehen ist.
Die 2. Hälfte der IOL wird derzeit noch vom Hersteller untersucht.
Wir respektieren dessen Wunsch, daß bis zum Abschluß dieser
Untersuchungen auf eine Nennung von Hersteller und Linsentyp verzichtet
wird.
Abb.1 (links): Explantierte
hydrophile IOL mit Kapselsackanteilen (rechter Bildrand) nach Halbierung.
Weißliche, scheibenförmige Trübung des Linsenkörpers
bei erhaltener Transparenz in der Peripherie.
Abb.2 (rechts): Granuläre Kalkeinlagerungen unterhalb der Linsenoberfläche
(oberer Bildrand) (von Kossa-Färbung).
Morphologischer
Befund:
Die an das ophthalmopathologische Labor gesandte, halbierte Kunstlinse
wies noch Reste des Kapselsackes auf. Die Optik zeigte zentral eine weißliche,
scheibenförmige Trübung, während die Transparenz in der
(dünnen) Peripherie erhalten war (Abb.1). Die Hälfte der Linse
wurde in üblicher Weise in Paraffin eingebettet, geschnitten und
gefärbt. HE und PAS führten zu keiner Anfärbung. In der
von Kossa-Färbung stellten sich allerdings schwarze, granuläre
Ablagerungen dicht unterhalb der Linsenoberfläche dar (Abb.2). Weiterführende,
aufwendige Untersuchungen wie REM, TEM oder Spektroskopie wurden unsererseits
nicht durchgeführt.
Ophthalmopathologische
Diagnose:
Eintrübung einer hydrophilen Acryl-Intraokularlinse durch Kalzium-Einlagerungen
unterhalb der Oberfläche (Erstbeobachtung bei diesem Linsentyp).
Diskussion:
Berichte über die Trübung von Kunstlinsen - eine sehr schöne
Übersicht findet sich bei Schmidbauer et al. (4) - mehren sich und
umfassen bisher
* hydrophobe Acryllinsen. Es finden sich in der Regel nicht Visus-relevante,
aber evtl. das Kontrastsehen beeinträchtigende „Glistenings“,
die wasserhaltigen Vakuolen innerhalb der Kunstlinse entsprechen und wahrscheinlich
durch Temperatur-Schwankungen zustandekommen (3,6).
* hydrophile Acryllinsen (1,6).
* Hydrogellinsen. Die Trübungen beruhen auf Kalzium- und Phosphatablagerungen,
die auf (4) oder unter (2) der Linsenoberfläche gefunden wurden.
* starre PMMA-Linsen. Hier entwickeln sich die als „snowflakes“
(Schneeflocken) bezeichneten Trübungen, die rundlich sind und eine
Art „Pseudokapsel“ besitzen, bevorzugt zentral und unterhalb
der (vorderen) Oberfläche. Als Ursache werden Probleme im Herstellungsprozeß
einzelner Linsentypen angenommen (5).
Das zeitliche Intervall
zwischen Implantation und Trübung der IOL ist sehr variabel und liegt
zwischen weniger als 2 Monaten und vielen Jahren, wobei PMMA-Linsen sehr
viel später (und damit seltener) eintrüben als weiche Intraokularlinsen
(1,2,4,5,6). „Glistenings“ wurden schon wenige Tage nach der
Implantation beobachtet (4).
Der Befund an der von uns explantierten Linse mit scheibenförmiger
Trübung der zentralen Optik, freier Optikperipherie, freien Haptiken
und sich in der von Kossa-Färbung darstellenden, sub-superfiziellen,
granulären Kalziumablagerungen entspricht den Erfahrungen anderer
Autoren mit einer anderen hydrophilen Acryl-IOL (MDR, SC60B-OUV) (1,4,6).
Als Ursachen des Transparenzverlustes hydrophiler Acrylatlinsen wurde
außer dem Einstrom von Kalzium (und Phosphat) auch eine vorzeitige
Alterung des UV-Absorbers postuliert (1,4,6), wofür die Aussparung
der Peripherie (UV-protektive Wirkung der Iris) sprechen könnte.
Letztendlich können wahrscheinlich verschiedene Substanzen insbesondere
in hydrophile Kunstlinsen hineindiffundieren und sich unter bestimmten
Umständen unter Minderung der Transparenz ablagern. Kalzium scheint
dabei von besonderer Bedeutung zu sein. Möglicherweise, wenn nicht
gar wahrscheinlich spielen für die Diffusionsvorgänge Veränderungen
des Kammerwassermilieus durch intraokulare Entzündungen (4) oder
Allgemeinerkrankungen wie z.B. Diabetes mellitus eine Rolle (2). Ob die
Injektion von Actilyse® in die Vorderkammer bei unserer Patientin
ein ursächlicher Faktor war bleibt spekulativ.
Es steht zu befürchten, daß prinzipiell jede IOL ihre Transparenz
verlieren kann und wir in unseren ophthalmopathologischen Labors immer
öfter mit diesem Problem konfrontiert sein werden. Wünschenswert
wären daher Untersuchungstechniken, die einfach und praktikabel sind,
trotzdem aber noch eine Ursachenforschung erlauben. Ist ein IOL-Austausch
erforderlich, kann der Kapselsack oft erhalten werden (2).
Literatur
- Frohn A, Dick HB,
Augustin AJ, Grus FH. Late opacification of the foldable hydrophilic
acrylic lens SC60B-OUV. Ophthalmology 2001; 108: 1999-2004
- Groh MJM, Schlötzer-Schrehardt
U, Rummelt C, v Below H, Küchle M. Postoperative Kunstlinsen-Eintrübungen
bei 12 Hydrogel-Intraokularlinsen (Hydroview®). Klin Monatsbl Augenheilkd
2001; 218: 645-648
- Kato K, Nishida
M, Yamane H et al. Glistening formation in an AcrySof lens initiated
by spinodal decomposition of the polymer network by temperature change.
J Cataract Refract Surg 2001; 27: 1493-1498
- Schmidbauer JM,
Werner L, Apple DJ et al. Postoperative Trübung von Hinterkammerlinsen
– eine Übersicht. Klin Monatsbl Augenheilkd 2001; 218: 586-594
- Schmidbauer JM,
Apple DJ, Peng Q, Arthur SN, Vargas LG. Trübung einer PMMA-Intraokularlinse.
Ophthalmologe 2002; 99: 306-307
- Werner L, Apple
DJ, Kaskaloglu M, Pandey SK. Dense opacification of the optical component
of a hydrophilic acrylic intraocular lens. A clinicopathological analysis
of 9 explanted lenses. J Cataract Refract Surg 2001; 27: 1485-1492
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