DOP Originalbeiträge
XXX. Jahrestagung der Deutschsprachigen Ophthalmopathologen (DOP)
24. und 25. September 2002, Freiburg

Lymphoplasmozytisches Lymphom der Bindehaut

Dr. Mona Pache

Universitäts-Augenklinik Basel, Postfach, 4012 Basel

Histologie-Nr.: O2002.79
Patient: F.-N., S. R., 04.04.1932

Klinik:
Eine 70jährige Patientin stellte sich mit seit 10 Tagen bestehendem Fremdkörpergefühl und Epiphora am linken Auge in unserer Poliklinik vor. Im linken unteren Fornix fand sich ein an ein abgeheiltes Chalazion erinnernder Tumor, der nach typischer Manier ab interno entfernt und anschließend histologisch aufgearbeitet wurde.
Überraschenderweise wurde ein lymphoplasmozytisches Lymphom diagnostiziert. Das Tumorstaging (inkl. MRT des Neurokraniums, Thorax- und Abdomen-CT, Ausschluß einer Makroglobulinämie/Kryoglobulinämie) ergab keinen Hinweis auf Metastasierung oder systemischen Befall. Auf eine Radiotherapie wurde verzichtet. Die Patientin befindet sich derzeit in regelmäßiger Kontrolle.

Histologischer Befund:
Histologisch lagen mehrere Gewebsstücke aus kollagenem Binde- und Fettgewebe sowie mit dichtem, homogenen Zellinfiltrat durchsetzte Bindehaut der Lidregion vor (5x2x1 mm). Das Zellinfiltrat bestand aus kleinen, lymphoiden Zellen und war mit plasmozytoiden Zellen und Plasmazellen, gelegentlich auch Mastzellen, durchsetzt. Einige Zellkerne enthielten PAS-positive Einschlüsse (Dutcher-Körperchen). An der Oberfläche war das Lymphozyteninfiltrat von Resten des Konjunktivalepithels überzogen, wobei die Tumorzellen die epitheliale Basalmembran zwar erreichten, das Epithel jedoch nicht infiltrierten.

Das Präparat wurde immunhistochemisch aufgearbeitet. Die Tumorzellen waren überwiegend CD20-positiv und CD23-negativ. Vereinzelt fanden sich im Infiltrat auch CD3- und CD5-positive T-Zellen. Die Immunreaktion mit dem Antikörper bcl-2 war stark positiv, der Proliferationsmarker MIB-1 lag unter 5%. Cyclin D1 war negativ. Die plasmazellulär differenzierten Tumorzellen exprimierten vorwiegend Kappa -Leichtketten. Weiterhin fand sich monoklonal eine IgM-Schwerkettenrestriktion bei intakten internen Kontrollen (Index IgM > IgA und IgG lag über 10:1).

Histologische Diagnose:
Bindehautinfiltration durch B-Zell Non-Hodgkin-Lymphom, morphologisch und immunphänotypisch lymphoplasmozytisches Lymphom (WHO-Klassifikation; nach Kieler Klassifikation: Immunozytom).

Kommentar:
Lymphatische Neoplasien der Bindehaut stellen ein seltenes Krankheitsbild dar. Es wird geschätzt, dass nur etwa 8% aller extranodalen Lymphome das Auge betreffen. Bei den lymphoiden Bindehauttumoren stellen die niedrig-maligen B-Zell-Lymphome den größten Anteil.
Beim dem hier vorliegenden lymphoplasmozytischen Lymphom finden sich vermehrt kleine B-Zellen, plasmozytoide B-Zellen und gelegentlich auch Plasmazellen. Die Zellkerne, aber auch das Zytoplasma, weisen nicht selten PAS-positive Kerneinschlüsse (Dutcher-Körperchen) auf. Immunphänotypisch sind die nicht plasmazellulär differenzierten Zellen CD20-positiv. Die plasmazellulär differenzierten Tumorzellen exprimieren monotypisches intrazytoplasmatisches Immunglobulin. Anders als bei der chronischen lymphatischen Leukämie vom B-Zell-Typ mit plasmazellulärer Differenzierung sind die Tumorzellen CD5- und CD23-negativ. Die Differentialdiagnose zum extranodalen Marginalzonen-B-Zell-Lymphom vom MALT-Typ ist, bedingt durch die Größe der Biopsie, schwierig. Die eindeutige lymphoplasmozelluläre Differenzierung, das Fehlen von lymphoepithelialen Läsionen und reaktiven Follikeln sowie die klonale IgM-Produktion sprechen in diesem Fall jedoch eher für ein lymphoplasmozytisches Lymphom.
Dieser Fall zeigt, daß bei einem atypischen Chalazion differentialdiagnostisch auch maligne Tumoren wie Lymphome, Talgdrüsenkarzinome, Merkel-Zell-Karzinome und Metastasen in Betracht gezogen werden müssen und unterstreicht zugleich die Forderung, jedes entfernte Gewebsstück zu dokumentieren und histologisch aufzuarbeiten.

Literatur

  1. Freeman, C., Berg, J.W., Cutler, S.J.: Occurence and prognosis of extranodal lymphomas. Cancer 1972; 29: 252-260
  2. Stein, H.: Die neue WHO Klassifikation der malignen Lymphome. Pathologe 2000; 21: 101-105
  3. Harris, N.L., Jaffe, E.S., Stein, H. et al.: A revised European-American classification of lymphoid neoplasms: a proposal from the International Lymphoma Study Group. Blood 1994: 1848-1854
  4. Coupland, S.E., Dallenbach, F.E., Stein, H.: Kleinzellige B-Zell-Lymphome: Differentialdiagnostische Leitlinien. Pathologe 2000; 21: 147-161
  5. Meyer, P., Gudat, F.: Das Non-Hodgkin-Lymphom der Conjunctiva (MALT-Lymphom) – Klinische und pathologische Merkmale. Klin Monatsbl Augenheilkd 1998; 212: 407-409
  6. Dallenbach, F.E., Coupland, S.E., Stein, H.: Marginalzonenlymphome: extranodale vom MALT-Typ, nodale und splenische. Pathologe 2000; 21: 162-177


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