DOP Originalbeiträge
XXX. Jahrestagung der Deutschsprachigen Ophthalmopathologen (DOP)
24. und 25. September 2002, Freiburg

Ungewöhnlicher Karunkeltumor beim Atopiker

Dr. Nicolas Feltgen

Universitäts-Augenklinik, Killianstr. 5, 79106 Freiburg, Tel. 0761-2704001, Fax: 0761-2704057

Histologie-Nr.: 365-02
Patient: T.K., geb. 17.10.1958

Vorgeschichte
Im Januar 2002 stellte sich der 44-jähriger Mann mit einem fleischfarbenen und schmerzlosen Knotens der Karunkel des linken Auges bei seinem Augenarzt vor. Dieser vermutete eine Talgdrüsenhyperplasie und empfahl keine weitere Therapie.
Da der Knoten wuchs, kam der Patient 4 Monate später in unsere Ambulanz. Wir fanden einen auf den Bereich der Karunkel beschränkten derben, kirschkerngroßen und papillomatösen Tumor, der mit der Unterlage verbacken war. Die Augapfelbeweglichkeit war normal. Der Patient leidet seit seiner Kindheit an einer Neurodermitis, ist sonst aber gesund. Eine vermehrte Sonnenexposition hatte nicht bestanden.
Wir vermuteten ein Plattenepithelkarzinom. Differentialdiagnostisch kam aufgrund der Schleimproduktion auch ein Mukoepidermoidkarzinom in Frage.
Der Tumor wurde entfernt und erwies sich histologisch als ein invasives und wenig differenziertes Plattenepithelkarzinom. Eine Nachresektion war nötig wodurch der Tumor komplett entfernt werden konnte. Bei dieser Nachoperation musste das Gewebe bis zur Hülle des M. rectus medialis abgetragen werden, wodurch ein Einwärtsschielen entstand. Zusätzlich wurde eine lokale Behandlung mit Mitomycin C 0,02% 4 x täglich über 3 Monate eingeleitet. Die Halslymphknoten der linken Seite waren leicht vergrößert, eine Biopsie wurde von den zu Rate gezogenen HNO-Ärzten jedoch noch nicht empfohlen.

Histologischer Befund
a) Makroskopisch: 17x11x8 mm messendes knotiges Bindehautpräparat.
b) Mikroskopisch: Das unverhornende Plattenepithel der Bindehaut weist nur im Randbereich des Präparates eine normale Schichtung mit wenig Becherzellen auf. Zum Zentrum des Präparates ähneln die Epithelzellen Stachelzellen und werden plumper. Schließlich geht das Epithel in einem zentral liegenden, nekrotischen Krater unter. Im direkten Anschluß an diesen Krater findet sich ein ausgedehnter unregelmäßig aufgebauter epithelialer Tumor, der in die Tiefe drängt und die Basalmembran auf weiten Strecken durchbrochen hat. Er wächst zum größten Teil infiltrierend, stellenweise aber auch verdrängend. Er ist zentral in Nestern, zum Rand hin aber auch in feinen Strängen angeordnet. Der polymorphkernige Tumor ist wenig differenziert und weist viele Einzelzellverhornungen, Hornperlen und einige atypische Mitosefiguren auf. Bemerkenswert sind die vielen eosinophilen Granulozyten im umgebenden Bindegewebe, aber auch in dem von einem dichten Saum von Entzündungszellen umgebenen Tumor. Dabei handelt es sich neben Granulozyten vor allem um Lymphozyten. Die Mucicarminfärbung ist negativ, ein Mukoepidermoidkarzinom konnte somit ausgeschlossen werden.
Untersuchung auf Human Papilloma Virus (HPV) mittels Polymerase Chain Reaction (PCR):
Kein Nachweis von HPV-DNA.

Diskussion
Die Karunkel stellt ein Übergangsgewebe zwischen Bindehaut und Dermis dar. Ihr Epithel ist zwar der Bindehaut vergleichbar, andererseits besitzt sie aber auch Haarfollikel, Talg- und Schweißdrüsen, und ähnelt somit der normalen Haut. Papillome stellen die häufigsten Karunkeltumoren dar, höchstens 5% davon sind maligne [1, 2]. Das Plattenepithelkarzinom ist extrem selten an der Karunkel zu finden, wie Seitz und Mitarbeiter anhand der Untersuchung von 112 epithelialen Bindehauttumoren belegen konnten. Bei 61 dieser Präparate handelte es sich um eine conjunctivale intraepitheliale Neoplasie (CIN) oder um Karzinome, wobei keiner dieser Tumoren an der Karunkel vorkam. Dagegen lagen 25 gutartige Papillome im Bereich der Karunkel. Allgemein gilt das Plattenepithelkarzinom der Bindehaut bei uns als selten. Der Häufigkeitsgipfel liegt bei 60 Jahren, Männer sind häufiger betroffen als Frauen [1]. Ultraviolettes Licht (UV-B) gilt als Hauptrisikofaktor. Die Prädilektionsstelle dieses typischerweise exophytisch wachsenden Tumors ist der Limbus [3-8].
Im vorliegenden Fall sind sowohl das Alter des Patienten als auch die Tumorlokalisation ungewöhnlich. In einem solchen Fall sollte nach Begleiterkrankungen gesucht werden, welche möglicherweise das Auftreten des Bindehautkarzinoms begünstigen. Ein Zusammenhang mit einer generalisierten Abwehrschwäche (z.B. AIDS oder immunsuppressive Therapie) ist bekannt [3, 9]. Bei unserem Patienten war die HIV Serologie negativ. Auch eine lokale Virusinfektion wird als Ursache diskutiert. In den letzten Jahren konnte zunehmend HPV Typ 16 und 18 in Plattenepithelkarzinomen der Bindehaut nachgewiesen werden [10-12]. Die viralen Onkoproteine E6 und E7 verursachen eine genetische Instabilität infizierter Zellen und wirken damit karzinogen [13-16]. Die HPV-Typen 16 und 18 gelten als Risikofaktoren einer malignen epithelialen Veränderung, die Typen 6 und 11 sind häufiger mit gutartigen Tumoren assoziiert. Da diese Virustypen aber auch in unveränderter Bindehaut gefunden wurden, ist deren Rolle bei der Entstehung epithelialer Tumoren nicht geklärt. Vermutlich bewirkt erst der zusätzliche Einfluß anderer karzinogener Stoffe die Entstehung maligner Tumoren [17].
Unseres Erachtens stellt die Neurodermitis unseres Patientin einen wesentlichen Risikofaktor für die Entwicklung des Karunkeltumors dar. Die Entstehung solcher Tumoren könnte durch die geänderte Immunitätslage bei Atopikern bedingt sein. [18, 19].
Im klinischen Alltag sollte bei Atopikern mit Bindehautreizung besonders gründlich nach tumorverdächtigen Veränderungen gefahndet werden. Neben der radikalen Entfernung hat sich die lokale Behandlung mit Mitomycin C AT 0,02% oder 0,04% bewährt. Über die Dauer der Therapie gibt es unterschiedliche Angaben [20, 21]. Wir haben bei unserem Patienten die Therapie über einen längeren Zeitraum empfohlen, da der ursprüngliche Tumor eine beträchtliche Größe hatte und auch in die Tiefe gewachsen war.

Literatur

  1. Seitz, B., et al., [Differential diagnosis and prognosis of 112 excised epibulbar epithelial tumors]. [German]. Klinische Monatsblatter fur Augenheilkunde, 1995. 207(4): p. 239-46.
  2. Shields, C.L. and J.A. Shields, Tumors of the caruncle. [Review] [28 refs]. International Ophthalmology Clinics, 1993. 33(3): p. 31-6.
  3. Lee, G. and L. Hirst, Ocular Surface Squamous Neoplasia. Survey of Ophthalmology, 1995. 39(6): p. 429-450.
  4. Naumann, G., Pathologie des Auges. 2 ed. Konjuntiva. Vol. 1. 1997, Berlin: Springer-Verlag.
  5. Rohrbach, J. and W. Lieb, Tumoren des Auges und seiner Adnexe. 1998: Schattauer Verlag. 74-77.
  6. Spencer, W., Ophthalmic Pathology: an Atlas and Textbook. 4 ed. Conjunctiva, ed. W. Spencer. Vol. 1. 1996, Philadelphia: Saunders Company.
  7. Sun, E.C., T.R. Fears, and J.J. Goedert, Epidemiology of squamous cell conjunctival cancer. Cancer Epidemiology, Biomarkers & Prevention, 1997. 6(2): p. 73-7.
  8. Zimmerman, L., Squamous cell carcinoma and related lesions of the bulbar conjunctiva, in Ocular and adnexal tumors, B. M, Editor. 1964, The C.V. Mosby Company: Saint Louis. p. 49 - 74.
  9. Waddell, K.M., et al., Carcinoma of the conjunctiva and HIV infection in Uganda and Malawi. [see comments]. Comment in: Br J Ophthalmol. 1996 Jun;80(6):496-7. British Journal of Ophthalmology, 1996. 80(6): p. 503-8.
  10. Dithmar, S., F. Schutt, and H.E. Volcker, [Papillary plica/caruncle tumor. Squamous epithelial carcinoma of the conjunctiva associated with human papillomavirus type 16]. [German]. Ophthalmologe, 2002. 99(2): p. 118-9.
  11. McDonnell, J., A. Mayr, and W. Martin, DNA of human papillomavirus type 16 in dysplastic and malignant lesions of the conjunctiva and cornea. New England Journal of Medicine, 1989. 320(22): p. 1442-6.
  12. McDonnell, J.M., P.J. McDonnell, and Y.Y. Sun, Human papillomavirus DNA in tissues and ocular surface swabs of patients with conjunctival epithelial neoplasia. Investigative Ophthalmology & Visual Science, 1992. 33(1): p. 184-9.
  13. Capone, R.B., et al., Detection and quantitation of human papillomavirus (HPV) DNA in the sera of patients with HPV-associated head and neck squamous cell carcinoma. Clinical Cancer Research, 2000. 6(11): p. 4171-5.
  14. Gillison, M.L., W.M. Koch, and K.V. Shah, Human papillomavirus in head and neck squamous cell carcinoma: are some head and neck cancers a sexually transmitted disease?. [Review] [110 refs]. Current Opinion in Oncology, 1999. 11(3): p. 191-9.
  15. Gillison, M.L., et al., Evidence for a causal association between human papillomavirus and a subset of head and neck cancers. [see comments.]. Comment in: J Natl Cancer Inst. 2000 May 3;92(9):675-7 ; 10793095. Journal of the National Cancer Institute, 2000. 92(9): p. 709-20.
  16. Gillison, M.L. and K.V. Shah, Human papillomavirus-associated head and neck squamous cell carcinoma: mounting evidence for an etiologic role for human papillomavirus in a subset of head and neck cancers. [Review] [40 refs]. Current Opinion in Oncology, 2001. 13(3): p. 183-8.
  17. Tabrizi, S.N., et al., Human papillomavirus in corneal and conjunctival carcinoma. Australian & New Zealand Journal of Ophthalmology, 1997. 25(3): p. 211-5.
  18. Favre, M., et al., Psoriasis: A possible reservoir for human papillomavirus type 5, the virus associated with skin carcinomas of epidermodysplasia verruciformis. [see comments.]. Comment in: J Invest Dermatol. 1998 Nov;111(5):912-3 ; 9804361. Journal of Investigative Dermatology, 1998. 110(4): p. 311-7.
  19. Kallen, C., et al., Ist eine atopische Keratokonjunktivitis ein Risikofaktor für Bindehautkarzinome? Ophthalmologe (DOG 2001), 2001.
  20. Frucht-Pery, J., Y. Rozenman, and J. Pe'er, Topical mitomycin-C for partially excised conjunctival squamous cell carcinoma. Ophthalmology, 2002. 109(3): p. 548-52.
  21. Shields, C.L., M. Naseripour, and J.A. Shields, Topical mitomycin C for extensive, recurrent conjunctival-corneal squamous cell carcinoma. American Journal of Ophthalmology, 2002. 133(5): p. 601-6.


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