DOP Originalbeiträge
XXX. Jahrestagung der Deutschsprachigen Ophthalmopathologen (DOP)
24. und 25. September 2002, Freiburg

“Schneeflockenkeratitis”

Dr. Claudia Auw-Hädrich

Universitäts-Augenklinik, Killianstr. 5, 79106 Freiburg, Tel. 0761-2704001, Fax: 0761-2704063, email: auw@aug.ukl.freiburg.de

Histologie-Nr.: 134-02
Patient: W.S., geb. 4.3.1930

Vorgeschichte
Der 72-jährige Patient erlitt vor über 30 Jahren eine tiefe Fremdkörperverletzung der linken Hornhaut mit Descemetruptur und nachfolgender Endotheldekompensation. Im Mai 1999 betrug die Sehschärfe des linken Auges noch 0,4, zwei Jahre später nur noch 0,2 bei zunehmendem Hornhautödem, woraufhin im August 2000 eine perforierende Keratoplastik durchgeführt wurde. Bereits am 5. postoperativen Tag traten Endothelbeschläge und Ödem des Transplantates auf. Das Ödem besserte sich trotz wochenlanger lokaler und teilweise systemischer Steroidgabe kaum. Im November 2000 wurde der 1. fortlaufende Faden entfernt, dabei betrug die Sehschärfe immerhin 0,4. Zwei Monate später stellte sich der Patient mit einer erneuten Sehverschlechterung bei zunehmendem Transplantatödem vor, die Sehschärfe war auf 0,1p abgesunken. Trotz fehlender Endothelbeschläge hatten wir den dringenden Verdacht auf eine wiederholte Transplantatabstoßungsreaktion, woraufhin erneut lokal und systemisch Steroide sowie Diamox zur Endothelentlastung gegeben wurden. Im Februar 2001 betrug die Sehschärfe bei persistierendem Ödem 0,3. Einen Monat später erhielt der Patient Gentamycin-Augentropfen wegen V.a. Konjunktivitis. Steroidhaltige Augentropfen wurden in niedriger Dosierung über mindestens 8 Monate weitergegeben (Dexa sine 1-2x/d). Anfang diesen Jahres war die Sehschärfe bei ausgeprägtem bullösem Ödem auf 1/15 abgesunken, 5 Wochen später stellte sich der Patient mit dem Bild einer schneeflockenartigen Keratitis vor. Keime konnten mittels des üblichen Bindehautabstrichs nicht isoliert werden. Am nächsten Tag erfolgte eine erneute Keratoplastik, da wir keine Hoffnung hatten, daß sich das chronisch geschädigte und nun infizierte Transplantat erholen würde.

Histologischer Befund: 134-02

Makroskopischer Befund:
Hornhautpräparat mit 8 mm Durchmesser. Die Oberfläche zeigt eine zentrale, schneeflocken-förmige Trübung.

Mikroskopischer Befund:
Lichtmikroskopisch sind im vorderen Stroma Bakterienhaufen erkennbar, die sich in der Gram-Färbung positiv darstellen. Es ist keinerlei entzündliche Reaktion des an die Bakterien angrenzenden Gewebes sichtbar. Elektronenmikroskopisch zeigen sich die Bakterien ein- bis dreikammerig.

Diskussion
Bei dem oben beschriebenen Krankheitsbild handelt es sich um die sogenannte infektiöse kristalline Keratopathie, die erstmals von Gorovoy et al. 1983 beschrieben wurde [6]. Diese tritt bevorzugt in Hornhauttransplantaten auf, insbesondere wenn, wie in unserem Fall, eine langanhaltende Steroidtherapie erforderlich war. Die infektiöse kristalline Keratopathie wird meistens durch Streptococcus viridans verursacht [10]. Andere beschriebene Keime sind Haemophilus, Staphylococcus epidermidis, Mycobacterium, Enterococcus, Pneumokokken, Pseudomonas und Candida [5]. Das besondere ist, daß es zu einer Keimvermehrung mit Ausbildung entsprechender Trübungen der Hornhaut kommt, praktisch ohne begleitende entzündliche Reaktion.

Es gibt verschiedene Erklärungen hierfür:
1. Spezielle antigene Polysaccharide in der Bakterienkapsel
Matoba et al. [8] isolierten Pneumokokken Serotyp 11F als Ursache der Erkrankung bei einem ihrer Patienten. Dieselben Keime, in Kaninchenhornhaut angebracht, erzeugten exakt dasselbe klinische Bild. Dagegen führten Pneumokokken Serotyp 9 und 15 zu einer eitrigen Keratitis. Die Autoren meinen, daß die unterschiedlichen antigenen Polysaccharide in der Bakterienkapsel die unterschiedliche Reaktion des Wirtsgewebes auf die Keime erklären.
2. Unterdrückung der entzündlichen Antwort bei langanhaltender Steroidgabe
Auffallend ist, daß die meisten Fälle nach chronischer Steroidgabe aufgetreten sind. Die geringe entzündliche Reaktion auf die Bakterienvermehrung ist sicherlich teilweise darauf zurückzuführen. Es sind allerdings auch Fälle ohne vorausgegangene Keratoplastik und Steroidbehandlung beschrieben worden, z.B. in Zusammenhang mit Herpes simplex [9]-, Zoster [11]- oder Akanthamöbeninfektionen [3] sowie nach Lokalanästhetikumabusus [7].
3. Biofilmbildung
Bei der infektiösen kristallinen Keratopathie kann mit spezieller Fixierungsmethode ein sogenannter Biofilm nachgewiesen werden, in welchem die Mikroorganismen in einer Polysaccharid-reichen extrazellulären polymeren Matrix (Glycocalyx) eingebettet sind. Solch ein Biofilm wird von manchen Mikroorganismen unter suboptimalen Wachstumsbedingungen gebildet, z.B. von Streptococcus viridans [5].
4. Beschaffenheit des Hornhautgewebes
Butler et al. [1] schließen aus ihren Inokulationsversuchen mit Streptococcus viridans und Klebsiella oxytoca an explantierten menschlichen Hornhäuten mit und ohne Schwellung, daß die Gewebebeschaffenheit das Ausbreitungsmuster der Keime erheblich beeinflußt. An den Hornhäuten ohne Schwellung konnte das charakteristische Muster der infektiösen kristallinen Keratopathie erzeugt werden, während geschwollene Hornhäute ein „globuläres“ Muster der Bakterienausbreitung zeigten. Dies würde aber in unserem Fall mit deutlich geschwollener Hornhaut nicht zutreffen.

Die antibiotische Behandlung der infektiösen kristallinen Keratopathie, z.B. mit Cefazolin, ist in der Regel langwierig und häufig erfolglos. Es wird angenommen, daß der Biofilm nicht nur die geringe entzündliche Reaktion sondern auch die schlechte Ansprechbarkeit auf Antibiotika bedingt [10]. Es wurde gezeigt, daß unter in vitro-Bedingungen die Antibiotikakonzentration 20-1000 mal höher sein muß um Bakterienwachstum innerhalb eines Biofilms zu unterdrücken als unter planktonischen Bedingungen [4]. Der Biofilm bindet vermutlich eine erhebliche Menge an Antibiotikamolekülen, und durch die Glycocalyx ist die metabolische Aktivität der Bakterien und damit auch ihre Empfindlichkeit gegenüber Antibiotika reduziert [5]. Es wurde berichtet, daß eine Nd:YAG Laserbehandlung die Wirksamkeit der Antibiotika deutlich verbessert, entweder durch Zerstörung der schützenden Glycocalyx oder durch Steigerung des Bakterienmetabolismus [2].

Literatur

  1. Butler TK, Dua HS, Edwards R, Lowe JS (2001) In vitro model of infectious crystalline keratopathy: tissue architecture determines pattern of microbial spread. Investigative Ophthalmology & Visual Science 42:1243-6
  2. Daneshvar H, MacInnis B, Hodge WG (2000) Nd:YAG laser corneal disruption as adjuvant treatment for infectious crystalline keratopathy. American Journal of Ophthalmology 129:800-1
  3. Davis RM, Schroeder RP, Rowsey JJ, Jensen HG, Tripathi RC (1987) Acanthamoeba keratitis and infectious crystalline keratopathy. Archives of Ophthalmology 105:1524-7
  4. Elder MJ, Stapleton F, Evans E, Dart JK (1995) Biofilm-related infections in ophthalmology. Eye 9:102-9
  5. Fulcher TP, Dart JK, McLaughlin-Borlace L, Howes R, Matheson M, Cree I (2001) Demonstration of biofilm in infectious crystalline keratopathy using ruthenium red and electron microscopy. Ophthalmology 108:1088-92
  6. Gorovoy MS, Stern GA, Hood CI, Allen C (1983) Intrastromal noninflammatory bacterial colonization of a corneal graft. Archives of Ophthalmology 101:1749-52
  7. Kintner JC, Grossniklaus HE, Lass JH, Jacobs G (1990) Infectious crystalline keratopathy associated with topical anesthetic abuse. Cornea 9:77-80
  8. Matoba AY, O'Brien TP, Wilhelmus KR, Jones DB (1994) Infectious crystalline keratopathy due to Streptococcus pneumoniae. Possible association with serotype. Ophthalmology 101:1000-4
  9. Meisler DM, Langston RH, Naab TJ, Aaby AA, McMahon JT, Tubbs RR (1984) Infectious crystalline keratopathy. American Journal of Ophthalmology 97:337-43
  10. Ormerod LD, Ruoff KL, Meisler DM, Wasson PJ, Kintner JC, Dunn SP, Lass JH, van de Rijn I (1991) Infectious crystalline keratopathy. Role of nutritionally variant streptococci and other bacterial factors. Ophthalmology 98:159-69
  11. Zabel RW, Mintsioulis G, MacDonald I, Tuft S (1988) Infectious crystalline keratopathy. Canadian Journal of Ophthalmology 23:311-4


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