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DOP
Originalbeiträge
XXX. Jahrestagung der Deutschsprachigen
Ophthalmopathologen (DOP)
24. und 25. September 2002, Freiburg
Merkel-Zellkarzinom des Oberlides
Dr. Ingo Schmack
Universitäts-Augenklinik,
Im Neuenheimer Feld 400, D-69120 Heidelberg
Histologie-Nr.:
E-31907/01
Anamnese und
Befund:
Eine 69jährige Patientin wurde uns aufgrund einer seit 3 Wochen bestehenden
Rötung und Schwellung des rechten Oberlides mit rascher Wachstumsprogredienz
zur weiteren Abklärung überwiesen. Bei initialem V.a. ein Hordeolum
externum wurde lokal antiinflammatorisch anbehandelt.
Bei der Erstuntersuchung zeigte sich ein derber, etwa 1 cm großer
rötlich-livider Hauttumor, der sich von der Mitte des Oberlides bis
zum lateralen Lidwinkel hin erstreckte. Er wies eine knotige, beerenartige
erscheinende, glatt-begrenzte Oberfläche auf und reichte nach inferior
bis an die Oberlidkante heran. Es bestand ein umschriebener Zilienverlust
im Bereich des Tumors. Palpatorisch war das Oberlid deutlich induriert
und gering druckschmerzhaft. Der übrige ophthalmologische Befund
gestaltete sich altersentsprechend und unauffällig. Zur differentialdiagnostischen
Abklärung führten wir eine lokale Probebiopsie durch. Die histologische
Aufarbeitung erbrachte bei anfänglichem V.a. ein Lymphom nach Hinzuziehung
immunhistochemischer Zusatzfärbungen die Diagnose eines Merkel-Zellkarzinoms.
In Zusammenarbeit mit den Mund-Kiefer-Gesichtschirurgen wurde daraufhin
eine komplette Tumorresektion unter subtotaler Oberlidexzision mit partieller
Entfernung der angrenzenden Strukturen des Unterlides und lateralen Augenwinkels
vorgenommen. Die primäre Defektdeckung erfolgte über eine fronto-temporale
Verschiebeplastik und Verwendung einer Aminionmembran als Konjunktivalersatz.
Das Tumor-Staging (Rö-Thorax, CT-Schädel, MRT-Schädel,
SD-, OB-, Hals-Sonographie, Positronen-Emissions-Tomographie, Skelett-Szintigraphie,
Somatostatin-Rezeptor-Szintigraphie) sowie die weiteren Nachkontrollen
fielen negativ aus, Hinweise auf lokale oder disseminierte Filiae fanden
sich nicht (pT1, pNx, pMx, R0).
Histologischer
Befund:
Histologisch zeichnet sich das subepidermal, unter einem regelrecht konfiguriertem
Plattenepithel, gelegene Tumorgewebe durch trabekulär angeordnete
kleine, relativ monomorphe, rundliche Zellen mit spärlichem Zytoplasmasaum
aus. Die Zellkerne sind rundlich bis ovalär und besitzen ein dichtes
Chromatingerüst. Darüber hinaus finden sich zahlreiche Mitosefiguren.
Die immunhistochemische Aufarbeitung erbrachte eine positive Reaktion
der Tumorzellen mit Anitkörpern gegen Zytokeratin 20, Zytokeratin
KL1, AE1+3 und Chromogranin. Eine Expression von LCA, L26, UCHL1, Protein-S100
und HMB-45 konnte nicht nachgewiesen werden.
Kommentar:
Beim Merkellkarzinom (Synonym: kutanes neuroendokrines Karzinom) handelt
es sich um einen hochmalignen primären Hauttumor, der von epidermalem
Gewebe ausgeht.1 Erstmals wurde es 1972 durch Toker unter der Bezeichnung
eines „trabekulären“ Karzinoms beschrieben. Wenngleich
Merkel-Zellkarzinome (MZKs) auch im Kindesalter auftreten können2,
gelten sie als Tumoren des höheren Lebensalters mit einem Altersgipfel
zwischen dem 6. und 7. Lebensjahrzehnt.1 Die jährliche Inzidenzrate
bei Kaukasieren beläuft sich auf 0,2-0,3/100.000.3 In der dunkelhäutigen
Bevölkerung finden sich MZKs demgegenüber extrem selten.4 Eine
geschlechtsspezifische Prädisposition scheint nicht zu bestehen.5
Die Läsionen sind vorwiegend im Bereich sonnenexponierter Hautareale
des Kopfes, Halses, Köperstamms und der Extremitäten lokalisiert.5
Eine Beteiligung der Augenlider, des Augapfels (Choroidea, Corpus ciliaris)6,7
und der Periorbitalregion8 sind in bis zu 10% der Fälle nachweisbar.1
Das Oberlid ist wie auch im vorliegenden Fall am häufigsten betroffen.
Als Risikofaktoren werden eine erhöhte UV-Exposition, eine systemische
medikamentöse Immunsuppression sowie maligne Lymphome angeführt.3,9
Chronische Arsen-Intoxikationen werden gleichfalls diskutiert.6
Die genauen Entstehungsmechanismen sind bis heute nicht eindeutig geklärt.
MZKs können sich in chronisch lichtgeschädigter Haut innerhalb
von Wochen bis Monaten entwickeln. Charakteristisch ist eine extrem hohe
Wachstumsgeschwindigkeit. Klinisch imponieren die Tumoren als schmerzlose
rötlich-livide derbe Konten von halbkugeliger bis kugeliger, selten
plaqueartiger Gestalt. Die Oberfläche weist mitunter ein beerenartiges
Aussehen auf. Nachdem die MZKs anfänglich noch von einer intakten
Epidermis bedeckt sind, können sekundär Teleangiektasien, Erosionen,
Ulzerationen, Hämorrhagien, Verkrustungen und bakterielle Superinfektionen
auftreten. MZKs neigen zu einem infiltrativen Wachstum mit früher
Ausbildung von Satellitenfiliae.
Ultrastrukturell und biochemisch finden sich Gemeinsamkeiten zwischen
dem MZK mit den Merkelzellen (MZs) der Haut.10 Diese 1875 von Friedrich
Merkel definierte Zellpopulation11 findet sich in den basalen Schichten
des verhornenden Plattenepithels der Epidermis. Zusammen mit den Langerhans-Zellen
und den Melanozyten bilden sie die dendritische Zellpopulation der Epidermis.12
Aufgrund ihres neuroendokrinen Charakters werden sie auch zum APUD-System
(amine precusor uptake and decarboxylation system) gezählt. Man nimmt
an, daß sich MZKs sowohl von Merkelzellen der Epidermis13 als auch
von pluripotenten Stammzellen mit neuronaler Differenzierung ableiten.14
MZKs zeichnen sich histologisch durch hell-kernige rundliche Tumorzellen
mit schmalem Zytoplasmasaum aus. Perinukleär finden sich argyrophile
Granula. Apoptosen und atypische Mitosen sind wesentliches Merkmal.15
Histopathologisch werden drei Typen mit abnehmendem Differenzierungsgrad
unterschieden (trabekulärer, intermediärer, kleinzelliger Typ).16
Aufgrund differentialdiagnostischer Abgrenzungsschwierigkeiten (kleinzelliges
Bronchial-Ca, malignes Lymphom / Melanom) bedient man sich immunhistochemischer
Spezialfärbungen. Besonders haben sich hierbei Kombinationen von
niedermolekularen Cytokeratinen der Nummern 8, 18, 20, neuronenspezifischer
Enolase, „leucocyte common antigen“ und Vimentin mit Neurofilament,
Synaptophysin oder Chromogranin A bewährt.17,18,19 Während sich
Zytokeratin 20 in der Haut ausschließlich bei Merkelzellen findet19,
konnten die beiden übrigen Cytokeratine auch bei sekretorischen Zellen
von ekkrinen Schweißdrüsen nachgewiesen werden.18
Als weiteres diagnostisches Hilfsmittel verwendet man häufig die
Transmissionselektronenmikroskopie. Es lassen sich charakteristische elektronendichte
intrazelluläre Granula sowie quirlartig konfigurierte Intermediärfilamente
darstellen.20
Die therapeutischen Optionen richten sich nach dem Krankheitsstadium sowie
dem Alter und Allgemeinzustand des Patienten. Während operative Maßnahmen
häufig in Kombination mit einer Bestrahlungsbehandlung im wesentlichen
den Stadien I (Primärtumor) und II (locoregionale Metastasen der
Lymphknoten der Lymphabstromgebiete) vorbehalten sind, kommen systemische
Therapieoptionen im Stadium III (Fernmetastasen) zur Anwendung. Bei letzteren
werden verschiedene Chemotherapieschemata, Octreotid sowie immuntherapeutische
Ansätze (ITF?, TNF) versucht.17
Die Prognose des MZK mit einer 5-Jahres-Überlebensrate zwischen 25-77%
ist insgesamt schlecht.21,22 Postoperativ findet man häufig Lokalrezidive
(1/3 d.F.) sowie eine ausgeprägte Tendenz zu lymphogener (2/3) und
hämatogener (1/2) Metastasierung.4,21,22 Obwohl sich Fernmetastasen
meist in einem Zeitraum von bis zu 18 Monaten ausbilden, können sie
sich auch noch mit einer zeitlichen Verzögerung von mehreren Jahren
auftreten.23
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