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DOP Originalbeiträge
XXIX. Jahrestagung der Deutschsprachigen
Ophthalmopathologen (DOP)
27. und 28. September 2001, Essen
Unilaterale Ptosis bei lokalisierter Amyloidose
Priv.Doz. Dr. Stefan Dithmar
Universitäts-Augenklinik, Im Neuenheimer Feld 400, D-69120 Heidelberg
Histo.Nr. 23381 1 Schnitt (Kongorot)
Eine damals 32-jährige
Patientin stellte sich wegen einer rechtsseitigen neu aufgetretenen Ptosis
bei ihrem Augenarzt vor. Es bestand bds. ein voller Visus, der ophthalmologische
Befund war abgesehen von der Ptosis unauffällig. Eine neurologische
Abklärung incl. Myastheniediagnostik war o.B., ebenso auch ein cerebrales
CT. Die Patientin war ansonsten gesund. Ein Jahr später erfolgte
die Vorstellung an einer Univ.-Augenklinik bei gleichbleibender Symptomatik.
Die Lidspaltenweite wurde wie folgt angegeben: Primärposition R 5mm,
L 8mm; Aufblick R 8, L 10mm; Abblick R 1, L 2mm. Levatorfunktion: R14,
L13mm. Die Diagnose lautete erworbene Ptosis unklarer Genese. 2 Jahre
später erfolgte die Vorstellung an einer weiteren Univ.-Augenklinik
bei persistierender Ptosis rechts. Der übrige ophthalmologische Befund
war unverändert unauffällig, ebenso auch eine erneute neurologische
Abklärung. An dieser Klinik erfolgte ein weiteres Jahr später
eine Ptosis-Operation (OP nach Vasanella verva mit Tarsusstück-,
Muskel- und Bindehautexzision). Eine histologische Untersuchung des exzidierten
Gewebes erfolgte nicht. 4 Monate später kam es zu einem Ptosisrezidiv,
mit einem erneuten operativen Eingriff wollte man noch abwarten. Die Patienten
stellte sich ein halbes Jahr später, also 4 Jahre nach Erkrankungsbeginn,
an einer dritten Univ.-Augenklinik vor, die Ätiologie der Ptosis
blieb unklar, eine operative Therapie wurde der Patientin angeboten, zu
diesem Zeitpunkt von ihr aber nicht wahrgenommen.
Im Januar 2000, 7 Jahre nach Erkrankungsbeginn, stellte sich die Patientin
an der Univ.-Augenklinik Heidelberg vor. Es bestand eine rechtsseitige
Ptosis, die Lispalte maß in Primärposition R 4mm, L 8mm, bei
Aufblick R: 5mm, L 10mm, bei Abblick R 1mm, L 3mm. Die Levatorfunktion
betrug R 14mm, L 13mm. Der sonstige ophthalmologische Befund war unauffällig,
jedoch fiel zu diesem Zeitpunkt eine rechtsseitige Bindehautveränderung
auf. Die Bindehaut war verdickt und glänzend. Es erfolgte eine Bindehautbiopsie,
durch welche die Diagnose einer Amyloidose gestellt werden konnte. Eine
Ptosis-operation mit Resektion des M.levator wurde durchgeführt.
Histologie
Bindehautbiopsie: unauffälliges Konjunktivalepithel. Subepithelial
umschriebene, Kongorot-positive Einlagerungen, perivaskulär akzentuiert
und depolarisationsoptisch doppelbrechend.
M.levator-Resektat (ausgeteilter Schnitt): Locker aufgebautes Bindegewebe
unter Einschluß zahlreicher hyperämischer Gefäße,
die von einem homogenen eosinophilem Material umgeben werden. Nur wenig
Muskelgewebe erkennbar (Muskelaktin positiv), welches massiv mit Amyloidablagerungen
durchsetzt ist. Positive Reaktion in der Kongorot-Färbung, depolarisationsoptisch
doppelbrechend.
Immunhistochemische Klassifizierung (Prof. Linke, Max-Planck-Institut
für Biochemie München):
Al-Amyloidose (alle anderen immunhistochemischen Reaktionen negativ, insbesondere
AA, Ak, ATTR und Aß2m).

Kommentar
"Amyloidose" ist wie "Rheuma" oder "Uveitis"
keine diagnostische Entität. Es handelt sich um über-wiegend
extrazelluläre Proteinablagerungen, die mit oder ohne Systemerkrankung
entstehen können. Die Gemeinsamkeiten dieses Erkrankungskomplexes
sind histopathologische und elektronenmikroskopische Merkmale. Amyloid
ist durch spezifische Färbeeigenschaften charakterisiert. Amyloidablagerungen
lassen sich mit Kongorot anfärben und zeigen dann eine grüne
Anisotropie unter polarisiertem Licht.
Die Amyloidosen werden
heutzutage unterteilt in systemische und lokalisierte Formen, wobei diese
wiederum in primäre und sekundäre Formen unterschieden werden
können1. Die systemische Amyloidose manifestiert sich meist an mehreren
Organen, u.a. können Herz, Niere, Gelenke, Nerven und die Haut betroffen
sein. Bei der primären Form ist die Ursache entweder unbekannt, oder
aber es handelt sich um heredofamiliäre Formen. Zu den sekundären
Amyloidosen gehören die Fälle, bei denen zur Amyloidablagerung
prädisponierende Grunderkrankungen, wie z.B. rheumatoide Arthritis
oder Tuber-kulose vorliegen. Amyloideinlagerungen können auch auf
ein Organsystem begrenzt sein, was mit dem Begriff lokalisierte Amyloidose
bezeichnet wird. Fast alle okulären Gewebe können von einer
Amylo-idose betroffen werden: Hornhaut2, Uvea3, Glaskörper4, Netzhaut,
N.optikus, extraokulare Muskeln5, Orbita6 und Tränendrüse7,8.
Eine Amyloidose der Bindehaut ist selten und tritt dann meist als isolierte
lokalisierte Amyloidoseform auf9-12. In den Jahren von 1945 bis 1987 wurden
22 Patienten mit konjunktivaler Amyloidose in der Literatur bekannt13.
Ein Viertel dieser Patienten hatte wahrscheinlich eine sekundäre
Amyloidose bedingt durch Trachom, Plasmozytom oder chronische Infektionen13.
Eine gleichzeitig Beteiligung des M.levator ist nur sehr selten beschrieben
worden14-17. Bei der primären lokalisierten Bindehautamyloidose kann
es zu einer diffusen Verdickung des Oberlides kommen, wenn die Tarsusplatte,
die benachbarte Muskulatur und das subkutane Gewebe mit Amyloid infiltriert
sind. Durch das Gewicht des Amyloids und durch Infiltration und Dehnung
des M. levator kann eine Ptosis entstehen. Bei der vorgestellten Patientin
fällt auf, daß der resezierte M.levator histologisch massiv
mit Amyloidablagerungen durchsetzt ist. Auch mit Hilfe der Muskelaktinfärbung
zeigt sich, daß nur noch spärlich Muskelgewebe vorhanden ist.
Die klinisch erkennbaren konjunktivalen Amyloidablagerungen waren dagegen
vergleisweise dezent. Immunhistochemische Amyloidklassifizierungen bei
Lid-amyloidosen wurden bislang nur selten durchgeführt. Die hier
vorliegende Al-Amyloidose spricht dafür, daß Immunglobulin-Leichtketten
von einem B-Zell-Klon produziert werden. Diese l-Leichtkette kann nicht
normal abgebaut werden und polymerisiert zu Fibrillen mit den bekannten
Eigenschaften von Amyloid. Die vorgestellte Patientin ist abgesehen von
dem Lidbefund gesund. Sämtliche Blutuntersuchungen waren unauffällig.
Eine Rektumbiopsie bzw. eine subkutane Fettgewebsaspiration wurde von
der Patientin nicht gewünscht.
Die operative Behandlung
der Ptosis ist u.U. schwer, da insbesondere starke Hämorrhagien aufgrund
der fragilen Gefäße drohen16. Ein mögliches Verfahren
ist die Abtragung des Amyloids und die Levator-resektion16. Die Rezidivrate
nach operativer Amyloidresektion ist hoch10,12. Meist sind mehrere operative
Eingriffe erforderlich, bei denen Amyloidmaterial exzidiert wird bzw.
eine Ptosis- oder sonstige Lidfehlstellungen korrigiert werden müssen.
Die vorgestellte Patientin ist seit einem Jahr rezidivfrei.
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