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DOP Originalbeiträge
XXIX. Jahrestagung der Deutschsprachigen
Ophthalmopathologen (DOP)
27. und 28. September 2001, Essen
Epidermolysis bullosa hereditaria generalisata
atrophicans
Dr.Sibylle Lechner
Berlin
Patient: M.C., 26.10.90
Schnitte: Konjunktiva
rechtes und linkes Auge, Epidermis Unterarm
Anamnese und Verlauf:
Seit Geburt leidet das jetzt 11 jährige Kind an Blasenbildung mit
Erosiones des gesamten Integuments mit Verlust der Fingernägel sowie
Fußnägel, Synechienbildung der Konjunktiven bds. mit Betonung
des linken Auges. Mund- und Nasenschleimhaut sind unauffällig, Nephrostoma
bds. Das Kind wird interdisziplinär von Pädiatern und Dermatologen
betreut. Zur Diagnosesicherung wurde mehrfach eine Stanzbiopsie der Haut
entnommen, wodurch letztendlich die Diagnose der Epidermolysis bullosa
hereditaria generalisata atrophicans gestellt werden konnte. Bei Erstvorstellung
des damals fast dreijährigen Kindes in unserer Augenklinik 1993 zeigte
sich am rechten Auge, wenig später auch am linken Auge, erhebliche
konjunktivale Injektionen, beginnende Symblephara und zuerst am rechten
Auge eine beginnende Bindehauthyperplasie auf die Hornhaut übergreifend,
dann das linke Auge folgend. Der erste operative Eingriff zur Symblepharonlösung
wurde 1993 durchgeführt. Es folgten weitere Symblepharalösungen
und eine Deckung mit Nasenschleimhaut, sowie Mundschleimhauttransplantationen.
In den Jahren 1993 bis 2001 wurden 5 Revisionsoperationen an beiden Augen
durchgeführt, die aber immer nur einen kurzzeitigen Erfolg ergaben.
Auch eine Amnionmembranauffnähung brachte keinen langfristig stabilen
Befund. Der beste Visus lag 1994 bds bei 0,5. Jedoch ist der Visus aufgrund
der massiven sekundären Hornhautalterationen am rechten Auge auf
0,3, am linken Auge auf 1/20 abgefallen.
Konjunktiva:
Makroskopie:
bds Bindehaut-Hornhaut-Tumorentfernung, 2-5 mm große, bräunlich
unregelmäßige Gewebsstücke des rechten Auges, sowie 9x3x2
mm großes, unregelmäßiges Gewebsstück des linken
Auges.
Mikroskopie:
Schleimhautfragmente, deren Stroma größtenteils von ungeordneten
narbenartigen kollagenfaserigem Bindehautgewebe mit reichlich kapillären
Gefäßsprossen und geringer, überwiegend chronischer Entzündungszellinfiltration
eingenommen ist. Kleine Lamellen eines in orthograden Schnitten normal
breiten, nicht verhornenden, regelhaft geschichteten Plattenepithel mit
monomorphen Kernen liegen isoliert im Material. Zellatypien fehlen.
Desweiteren zeigt sich die Konjunktiva mit hohem Bindegewebsgehalt und
reichlich kapillären Gefäßen im Stroma. Die Oberfläche
ist nur teilweise von intaktem, schmalem Plattenepithel mit eingestreuten
Becherzellen gesäumt. Herdförmig ein größerer Epitheldefekt,
aus dem polypenartig junges Granulationsgewebe mit hohem Gehalt an Entzündungszellen,
Kapillaren und großen, aktiven Fibroblasten hervorragt. Das erhaltene
Stroma ist regelrecht strukturiert.
Beurteilung:
Konjunktiva mit herdförmiger, unspezifischer Narbenbildung und fraglich
artifiziell von der Oberfläche abgelöstem Plattenepithel
Die oben beschriebenen
Veränderungen können als Sekundärphänomene im Rahmen
einer Schleimhautbeteiligung der klinisch angegebenen Epidermolysis bullosa
auftreten.
Epidermis:
Histologie:
Die Epidermis ist von der Unterlage fast vollständig abgehoben. Am
Blasengrund befindet sich eine weitgehend unauffällige Basalmembran,
im Blasendach eine Basalzellreihe ohne Basalmembran
Elektronenmikroskopie:
Es zeigt sich eine weitgehend regelrechte ultrastrukturelle Organisation
der Keratinozyten. Auffällig ist jedoch eine Hypoplasie der Hemidesmosomen
der basalen Keratinozyten. Aufgrund der Hypoplasie der Hemidesmosomen
der basalen Keratinozyten liegt eine atrophische Epidermolyse vor.
Diskussion:
Die Epidermolysis bullosa ist eine Dermatose, die auf geringfügige
mechanische Reize und Traumata zur Blasenbildung an Haut und Schleimhaut
neigt. Es gibt für die verschiedenen Subtypen autosomal dominante,
sowie rezessive Vererbungsmuster (1). Mutationen in Keratingenen oder
im Plecin-Gen führen zum Zusammenfall des Keratin-Zytoskeletts (betroffene
Genloci KRT 5, KRT14, PLEC 1, LAMB3, LAMC2, LAMA3, COL17A1, ITGA6, ITGB4,
COL7A1) (5). Die Diagnostik stützt sich auf klinische, genetische
und ultrastrukturelle Merkmale. Die Einteilung in die Subtypen beruht
auf dem Niveau der Blasenbildung in der Haut. Im Falle unseren Patienten
handelt es sich um eine Epidermolysis bullosa junctionalis d.h. die Blasenbildung
erfolgt zwischen Basallamina und Plasmamembran der Basalzellen. Die Hemidesmosomen
sind vermindert oder abnorm strukturiert. Die Symptome der okularen Beteiligung
sind mehrfach, meist in Fallbeispielen beschrieben: Konjunktivitis, Blepharitis,
HH-Ulzera, Symblepharonbildung (2,3,4). Die Prognose einer solchen Erkrankung
hängt von dem klinischen Schweregrad der Erkrankung ab. Die Prognose
bei der Epidermolysis bullosa junctionalis vom Herlitztyp ist infaust,
da es durch die massiv Blasenbildung mit schlecht heilenden Erosiones
und durch Flüssigkeitsverlust, sowie Proteinverlust zu systemischen
Infektionen kommt, die meist in den ersten Lebensjahren letal enden. Bei
unserem Patienten liegt glücklicherweise eine milde Form der Epidermis
bullosa junctionalis vor. Die derzeitige Therapie aus ophthalmologischer
Sicht besteht aus der Lösung der Symblephara und regelmäßigen
Abtragen der Bindehautwucherungen. In diesem Fall wurde schon im Rahmen
der Amblyopieprophylaxe früh begonnen. Einen therapeutischer Ausblick
stellt vielleicht die Gentherapie dar, d.h. eine Transduktion normal funktionierender
Proteine in eine Epidermiszelle (6). Aufgrund der Komplexität des
Krankheitsbildes ist eine intensive interdisziplinäre Zusammenarbeit
von Ophthalmologen, Pädiatern, Dermatologe aber auch Zahnärzten,
Krankengymnasten und Psychosomatiker nötig.
Literatur
- Fine JD, Eady RA, Bauer EA: Revised classification system for inherited
epidermolysis bullosa: Report of the second international consensus
meeting on diagnosis of epidermolysis bullosa. J Am Acad Dermatol 2000
Jun.; 42(6):1051-1066
-
Granek H., Baden H.P.: Corneal Involvement in Epidermolysis Bullosa
Simplex, Arch Ophthalmol-Vol 98, March 1980 469-472
-
Lin A.N, Murphy F., Brodie S.E, Carter D.M : Review of ophthalmic
findings in 204 patients with Epidermolysis Bullosa: Am J Ophthalmol.
1994 (9),Vol 118, No3, 384-399
-
McDonnell P.J., Spalton D.J.: The ocular signs and complications
of epidermolysis bullosa; Journ. of the Royal Society of Medicine
, Oct 1988, Vol.81, 576-578
-
Pulkkinen L, Uitto J: Mutation analysis and molecular genetics of
epidermolysis bullosa. Matrix Biol 1999; 18(1):29-42
-
Vassar R, Coulombe PA, Degenstein L: Mutant keratin expression in
transgenic mice causes marked abnormalities resembling a human genetic
skin disease. Cell.1991 64:365-380.
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