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DOP Originalbeiträge
XXIX. Jahrestagung der Deutschsprachigen
Ophthalmopathologen (DOP)
27. und 28. September 2001, Essen
Plattenepithelkarzinom der Bindehaut mit massiver
intraokularer Invasion
Dr. Torsten Schlote
Universitäts-Augenklinik, Schleichstr. 12, D-72076 Tübingen
Torsten.Schlote@med.uni-tuebingen.de
Patient E., P., 89
Jahre
Histologie-Nr. 30067
Anamnese
Im März 2000 wurde eine 89jährige Patientin unter der Verdachtsdiagnose
eines Ulkus rodens mit Bulbuspenetration des rechten Auges vorstellig.
Die Patientin war unmittelbar zuvor in einer chirurgischen Klinik wegen
einer Femurfraktur links operativ versorgt und von dort überwiesen
worden. Seit einem Jahr wurden Symptome eines trockenen Auges bzw. eine
Konjunktivitis rechts beklagt und diese wiederholt mit Tränenersatzmitteln
und Antibiotika behandelt. Allgemein bestand ein nicht insulinpflichtiger
Diabetes mellitus Typ II und eine nicht progrediente, chronisch lymphatische
Leukämie.
Untersuchungsbefund
/ Therapie
Der Visus betrug rechts fraglich Lichtscheinwahr-nehmung, links 0,4. Die
Lidränder des rechten Auges zeigten sich gerötet, die Wimpern
mit eitrigem Sekret belegt. Die Konjunktiva tarsi war gerötet. Die
Konjunktiva bulbi zeigte deutliche Auflagerungen eitrigen Sekrets und
war im übrigen nekrotisch. Die Hornhaut zeigte sich getrübt
bzw. infiltriert mit ausgedehnter, limbusnaher Perforation im unteren
Bereich. Die Beurteilung intraokularer Strukturen war nicht möglich.
Am linken Auge bestand ein altersentsprechender Befund. Es erfolgte die
stationäre Aufnahme der Patientin, die Entnahme eines Bindehautabstriches
und die lokale und systemische, antibiotische Abdeckung. Der Bindhautabstrich
ergab später den Nachweis von Staphylococcus aureus. Wegen des massiven
Befundes bei praktisch erloschender visueller Funktion wurde eine Enukleation
des rechten Auges durchgeführt.
Histopathologischer
Befund
Die histologische Untersuchung des enukleierten Auges ergab das Vorliegen
eines verhornenden Plattenepithelkarzinoms, wahrscheinlich ausgehend von
der Bindehaut mit nachfolgender intraokularer Invasion. Es bestand eine
weitreichende Infiltration des Augeninneren unter Beteiligung der vorderen
und hinteren Augenabschnitte. Die Vorderkammer war abgeflacht und wies
eine rundzellige Entzündungsreaktion und ausgeprägte Ablagerungen
von Keratin auf. Die Choroidea war massiv verdickt und zeigte eine ausgeprägte
tumoröse Infiltration und lymphozytäre Begleitreaktion. Der
Tumor hatte in posteriorer Richtung den Äquator intrachoroidal überschritten.
Der Tumor selbst imponierte in Form einer teils pseudoglandulären
Anordnung mit Ablagerung von Keratin (Hornperlen). Es zeigte sich ein
deutlich pleomorphes Erscheinungsbild der Tumorzellen, begleitet von einer
teilweise ausgeprägten Hyperchromasie der Zellkerne. Die Anfärbbarkeit
der Tumorzellen auf die Zytokeratine 1, 6, und 13 bestätigte den
Verdacht auf einen epithelialen Tumor. Zusätzlich bestand eine totale
Netzhautablösung mit degenerativen und teils entzündlichen retinalen
Veränderungen. Opticus und Sklera zeigten sich nicht infiltriert.
Mittels Alcianblau bei pH 2,5 (mit und ohne Vorbehandlung mit Hyalouronidase)
und PAS-Färbung ließen sich keine schleimsezernierenden Tumoranteile
nachweisen.
Der anschließend durch den Hausarzt eingeleitete Ausschluß
eines augenfernen Primärtumors bzw. von Metastasen (Lunge, Mammae,
Abdomen, Endometrium, Lymphknoten) ergab keinen pathologischen Befund.
Diagnose
Primär verhornendes Plattenepithelkarzinom der bulbären Bindehaut
mit massiver intraokularer Ausdehnung
Diskussion
Das Plattenepithelkarzinom (intraepithelial und invasiv) der Bindehaut
ist zwar selten, jedoch der häufigste maligne Tumor der Konjunktiva
(1). Bevorzugt betroffen sind männliche, weiße Patienten um
das 60. Lebensjahr, wenngleich der Tumor auch im Kindesalter (v.a. assoziiert
mit Xeroderma pigmentosum) auftritt. Die Ätiologie ist weitgehend
ungeklärt. Als sicherer Risikofaktor gilt die erhöhte Exposition
gegenüber UV-B-Strahlung (höhere Inzidenz des Tumors in Äquatornähe).
Das Plattenepithelkarzinom der Bindehaut ist typischerweise im Bereich
des Limbus und der bulbären Konjunktiva der Lidspaltenregion lokalisiert
(3). Der klinische Befund kann im übrigen variabel sein, wenngleich
zumeist das solitäre Wachstum eines scharf begrenzten, leicht erhabenen,
gräulich bis rötlichen Tumors mit prominenten Tumorgefäßen
zu beobachten ist.
Die in unserem Fall anamnestisch vorausgegangene chronische Konjunktivitis
muß aus der Retrospektive als Erstsymptom des Tumors interpretiert
werden. Bei etwa 50-70% der Patienten sind eine chronische Konjunktivitis
und subjektive Beschwerden wie Fremdkörpergefühl und Tränenlaufen
Erstsymptome des Bindehautkarzinoms (3) ! Bei der hier geschilderten Patientin
war zusätzlich durch eine Superinfektion eine massive bakterielle
Keratokonjunktivitis mit praktisch zirkulärer Nekrose der Bindehaut
(diffuses Tumorwachstum) entstanden.
Über das intraokulare Wachstum von Bindehautkarzinomen ist verschiedentlich
berichtet worden. Es ist schätzungsweise bei 10% aller invasiven
Bindehautkarzinome zu beobachten (3). Typischerweise wächst der Tumor
in der Limbusregion in die Vorderkammer ein (2, 3). Die intraokulare Beteiligung
äußert sich zumeist in Form einer granulomatösen Iridozyklitis,
eines Sekundärglaukoms, Pupillenverziehungen und einer sichtbaren
weißen bis grauen Tumormasse in der Vorderkammer.
Wie histopathologische Untersuchungen enukleierter Augen mit intraokularer
Ausdehnung des Bindehautkarzinoms zeigten, war diese zumeist auf das vordere
Augensegment begrenzt (2, 3). Ein Fortschreiten des Tumorwachstums mit
Infiltration der peripheren Choroidea ist dagegen äußert selten.
Die Prognose quoad vitam darf als gut bezeichnet werden (2, 3). Bindehautkarzinome
metastasieren selbst bei fortgeschrittenem Befund nur selten. Zu achten
ist auf das erhöhte Risiko maligner Hauttumoren. Möglicherweise
besteht auch ein erhöhtes Risiko für die Entwicklung viszeraler
und lymphatischer Zweittumoren (Leukämie, Lymphom).
Literatur
- Lee GA, Hirst LW. Ocular surface squamous neoplasia. Surv Ophthalmol
1995; 39: 429-9
- Shields JA, Shields CL, Gunduz K, Eagle RC Jr. The 1998 Pan American
Lecture.
Intraocular invasion of conjunctival squamous cell carcinoma in five
patients. Ophthal Plast
Recontr Surg 1999; 15: 153-60
- Tunc M, Char DH, Crawford B, Miller T. Intraepithelial and invasive
squamous cell
carcinoma of the conjunctiva: an analysis of 60 cases. Br J Ophthalmol
1999; 83: 98-103
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