DOP Originalbeiträge
      
XXIX. Jahrestagung der Deutschsprachigen Ophthalmopathologen (DOP)
27. und 28. September 2001, Essen

Rätselhaftes Bindehautkarzinom

I. Strempel


Fallbeschreibung:
Eine jetzt 38jährige Patientin wurde vor 2 Jahren erstmals vom Augenarzt überwiesen wegen eines Bindehauttumors, der angeblich in 2 Wochen gewachsen war (Abb.1). In der Anamnese der Patientin ist eine ausgeprägte Neurodermitis sowie multiple Allergien bekannt. Therapie bis dato nur künstliche Tränen bei KCS.

Ophthalmologischer Befund:
Visus mit myoper Korrektur bds. 1,0. Oberlider mit Madarosis und leichter Distichiasis. Binde- haut bds. mit vernalisähnlichen, follikulären Hyperplasien. Links fleischfarbene Tumormassen von der Karunkel ausgehen und zur unteren Umschlagfalte infiltrativ wachsend ca. 5 x 4 mm. Es erfolgte die erste Exzision links. Nach 5 Monaten Rezidiv dort mit Re-OP (2. OP). 2 Monate später erneutes Rezidiv links und 3. Exzision. 6 Wochen später ähnlicher Tumor, jetzt aber am rechten Auge nasal, ebenfalls OP mit Exzision. Wieder 2 Monate später Rezidiv linkes Auge und 4. Exzision dort. Zum Jahreswechsel 2001 war die Patientin wegen ihrer Neurodermitis 5 Wochen zur Kur an der Nordsee. Sie stellte sich zuletzt End e Januar 2001 vor, bds. waren nur noch Bindehautnarben und keine Tumormassen zu sehen.


Histologische Befunde:

1. Exzision li. Auge:
1. Fokale epitheliale pseudokarzinomatöse Hyperplasie.
2. Reaktive Entzündung mit Eosinophilie.
09.02.99, 39/99

2. Exzision li. Auge:
1. Epitheliale Hyperplasie und Dysplasie und reaktive Entzündung
"Konjunktivale epitheliale Dysplasie" (CIN) nach Jacobiec
02.07.99, 217/99


3. Exzision li. Auge:
Epithelzellen mit unterschiedlicher Größe und Zellatypien. Intrazelluläre Verhornung, zahlreiche
Mitosen. Gut differenziertes Plattenepithel- karzinom.
Immunhistochemie: Zyotokeratin pos. 5/6,
Zytokeratin pos. 10/13, Zytokeratin neg. 7/18.
CEA keine spezifische Reaktion.
Mib-1 reaktive Tumorzellen 20%
13.09.00, 392/00

1. Exzision re. Auge:
Papillomatöse Proliferation der Bindehaut mit fokalem Carcinoma in situ.
26.10.99, 433/00

4. Exzision li. Auge:
Typisches Bindeshautkarzinom
11/99, 474/00


Von verschiedenen Exzisaten wurden immunhistochemische Untersuchungen gemacht:
CMV, EBV, HPV 16, HPV 33, HSV 1, HSV 2 - die Befunde waren alle negativ.


Diskussion
Patienten mit Atopien, besonders Neurodermitis, haben in der Regel eine Keratokonjunktivitis sicca (KCS) und neigen zu hyperergischen Reaktionen und proliferativen Veränderungen der Bindehaut im Sinne einer Konjunktivitis vernalis. Bekannt ist auch, dass Neurodermitiker häufig Viruspapillome im Schleimhautbereich entwickeln. Ob diese eine Disposition zur Karzinomentstehung mit sich bringen ist noch unklar. Es häufen sich aber die Beobachtungen, dass Neurodermitiker zu Bindehautkarzinomen disponiert sind (Kallen et al 2001).
Bei dieser Patientin ist der Verlauf jedoch extrem ungewöhnlich. Die tumorösen Veränderungen entstanden äußerst schnell, jeweils innerhalb weniger Wochen, so dass klinisch eher an papillomavirusinduzierte Proliferationen gedacht wurde. Dieses konnte später ausge- schlossen werden. Auch das Alter der Patientin und die limbusferne Lokalisation der Tumoren passten klinisch nicht ideal zu einem üblichen Bindehautkarzinom. Nachdem am linken Auge mehrfach exzidiert worden war, entstand auch am rechten Auge ein gleichartiger Tumor. Obwohl bds. nicht in toto exzidiert wurde, waren nach der Nordseekur keine tumorartigen Veränderungen mehr nachweisbar.
Histologisch ist bemerkenswert, dass die morphologische Transformation des Tumors vom benignen bzw. praekanzerösen Stadium zum klassischen Karzinom in äußerst kurzen Zeiträumen erfolgte. Trotz subtotaler Resektion ist die Patientin seit einem halben Jahr rezidivfrei.


Literatur

  1. Naumann, G.O.H.: Pathologie des Auges. Band 1 Springer Verlag 1997, S. 464 - 467.

  2. Spencer, W.H:: Ophthalmic Pathology, 3. Ed. Vol. 1, 183 - 187, W.B. Saunders Comp. 1985.

  3. Kallen, CH et. al: Ist eine atopische Keratokonjunktivitis Risikofaktor für die Bindehaut-
    karzinome. Vortrag 163. Vers. rhein.-westf. Augenärzte, Münster 05/2001.


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