|
DOP Originalbeiträge
XXIX. Jahrestagung der Deutschsprachigen
Ophthalmopathologen (DOP)
27. und 28. September 2001, Essen
Maligner peripherer Nervenscheidentumor (MPNST) in Augenlid und Orbita
Dr.med. Andreas Sommacal
Institut für Pathologie, Kantonsspital St.Gallen, CH-9007 St.Gallen
Anamnese / Klinik
44 jährige Patientin
mit bekannter Neurofibromatose Recklinghausen Typ 1 (siehe auch Kurzüberblick
im Kommentar). Sie weist massenhaft kutane, teils plexiforme Neurofibrome
am ganzen Körper auf sowie vereinzelte Café-au-lait Flecken.
Seit Jahren langsam progredientes Wachstum eines (histologisch bereits
vor 22 Jahren an selber Stelle verifizierten) Neurofibroms im Bereiche
des Augenlider / Orbita und Wange rechts mit deutlicher Grössenzunahme
in den letzten Wochen und Monaten. In CT und MRI zeigt sich eine tumoröse
Ummauerung des rechten Bulbus oculi . Die Irisvorderfläche des linken
Auges zeigt multiple gelbliche Knötchen (vereinbar mit sog. Lisch
Knötchen).
Makroskopische Beschreibung
Der Tumor
im Bereiche Unterlid/Wange rechts wird von den Gesichtschirurgen (ORL)
exzidiert und wir erhalten ein kugeliges 5.5x5.5x5.5cm grosses Operationspräparat,
bedeckt von einer 6x5.5cm grossen Hautspindel. Darin lässt sich ein
4.5x4.5x3.5 cm grosser weich-elastischer, zentral zystischer Knoten mit
glasiger weisser, teils angedeutet faseriger Schnittfläche abgrenzen.
Dieser zeigt sich allseits von einer zarten kapselartigen Membran umgeben.

Mikroskopische
Befunde
Histologisch
findet sich ein zellreicher spindelzelliger Tumor mit zelldichten, neben
lockerer gebauten, myxoid anmutenden Anteilen sowie ausgedehnten, teils
"landkartenartigen" Nekrosen und zentraler Nekrosehöhle.
Nachweis von zahlreichen Mitosen. Die Zell-und Zellkernpolymorphie ist
mässig ausgeprägt. Die Zellkerne sind elongiert mit abgerundeten
Enden, und teils leicht hyperchromatisch mit meist wenig auffälligen
Nukleolen.
Immunhistochemisaches Markerprofil: Panzytokeratinmarker LU5 +, Vimentin
+++, S-100 Protein (+), CD117 (+), GFAP +, Neurofilamente +. Der Proliferationsindex
(MIB-1) ist mit ca. 70% der Tumorzellen sehr hoch.
Der Tumor reicht abschnittsweise bis sehr nahe an die subkutanen Resektionsflächen
heran und wird nur von einer mikroskopisch dünnen fibrösen Pseudokapsel
bedeckt.
Daneben findet sich ein randständiger, mitotisch nicht aktiver, deutlich
zellärmerer Tumoranteil, aufgebaut aus etwas wellenförmig angeordnetetn,
lockeren Verbänden spindeliger Zellen, welche in einer myxoiden Matrix
liegen.

Diagnose
Somit handelt
es sich beim vorliegenden Haut/Subkutangewebeexzisat (Orbita, Wange rechts)
um einen malignen peripheren Nervenscheidentumor (MPNST) mit perifokalen
Restanteilen eines Neurofibroms.
Kommentar
Auf Grund der
Tatsache, dass an der Stelle wo jetzt der MPNST auftritt, bereits Jahre
zuvor ein Neurofibrom im Rahmen einer Neurofibromatose Recklinghausen
histologisch verifiziert wurde und nun noch Neurofibromrestanteile im
Randbereich des MPNST nachgewiesen werden können, handelt es sich
am ehesten um eine maligne Transformation des Neurofibroms in ein MPNST,
einer bekannten Komplikation dieser Erkrankung. Gemäss Literaturangaben
entsteht die Hälfte aller MPNST im Rahmen einer Neurofibromatose
1 (1,2,5,6,8). Ein anderer Teil kann nach Bestrahlung oder de novo entstehen
(4,5,9).
Die Unsicherheit über
die Herkunft der Tumorzellen spiegelt sich in den verschiedenen Bezeichnungen
die anstelle des MPNST verwendet worden sind (neurogenes Sarkom, malignes
Schwannom, Neurofibrosarkom). Man geht heute davon aus, dass die MPNST
Tumorzellen sich von den Schwannschen Zellen ableiten (3,5,8).
Die meisten MPNSTs entstehen im peripheren Nervensystem von Erwachsenen,
in den Stämmen und Verzweigungen mittlerer-grösserer Nerven,
in unserem Falle wahrscheinlich ua. Äste des N.Trigeminus.
In MPNST werden gelegentlich auch epithelial differenzierte Anteile gefunden
(siehe LU5 Positivität in unserem Fall) ebenso wie Melanin Pigment
(in unserem Fall nicht beobachtet) und mesenchymale Differenzierungen
(siehe Vimentin Positivität in unserem Fall). (5,6)
Differentialdiagnostisch
muss aufgrund der Morphologie in erster Linie das sogenannte "zellreiche"
Schwannom ausgeschlossen werden. Dieses zeigt aber im Gegensatz zum MPNST
keine derart hohe mitotische Aktivität und zeichnet sich meist durch
zumindest fokale Ausbildung von lockeren sog. Antoni B- und dichten sog.
Antoni-A Feldern mit Bildung von kugeligen,dichten Zellnestern sog. Verrocay
bodies, hyalinisierten Blutgefässwänden und gleichmässiger
immunhistochemischer S-100 Reaktivität aus. Zudem werden hier die
bei MPNST recht typischen landkartenartigen Nekrosen nicht beobachtet.
(5,6)
Meist ist eine vollständige
Tumorresektion nicht möglich, mit entsprechender Verminderung der
Prognose. Die 5- Jahresüberlebensrate liegt bei ca. 40%, die 10-
Jahresüberlebensrate bei ca. 29%
Bei NF1 assoziierten MPNST treten in ca. 35% der Fälle innert 2 Jahren
Metastasen auf , vor allem in Lunge, Knochen, Weichteile, Leber und Gehirn
(5, 7). Bei unserer Patientin sind noch keine bekannt.
Kurzer Überblick
über die Neurofibromatose von Recklinghausen:
Diese genetisch bedingte Erkrankung tritt einerseits als häufigere
periphere Variante, mit bezeichnet als Neurofibromatose 1 und als seltenere
zentrale Variante, bezeichnet als Neurofibromatose 2 auf.
Bei der Neurofibromatose 1 wie in unserem vorliegenden Fall handelt es
sich um eine autosomal dominante Mutation des Chromosoms 17, mit Ausbildung
multiplen Neurofibromen in Haut, Subkutis und spinalen Nervenwurzeln,
Café-au-lait Flecken der Haut, pigmentierten Hamartomen der Iris
(Lisch Knötchen) und verschiedenen Gliomen in ZNS, Augen und Orbita.
Die Neurofibromatose 2, ausgelöst durch einen autosomal dominant
vererbten Defekt am Chromosom 22, zeichnet sich durch multiple Schwannome
in ZNS und PNS aus, begleitet von multiplen intrakraniellen Meningeomen
und Ependymomen des Rückenmarks.
Literatur
- Ducatman BS, Scheithauer BW, Piepgras DG, Reiman HM, Ilstrup DM.
Malignant peripheral nerve sheath tumor. A clinicopathologic study of
120 cases. Cancer 1986; 57: 2006-21
- Leslie MD, Cheung KY. Malignant transformation of neurofibromas at
multiple sites in a case of neurofibromatosis. Postgrad Med J 1987;
63: 131-3
- Woodruf JM, Selig AM, Crowley K, Allen PW. Schwannoma with malignat
transformation. A rare, distinctive peripheral nerve tumor. Am J Surg
Pathol 1994; 18: 882-95
- Jurgens H , Bier V, Harms D, et al.. Malignant peripheral neuroectodermal
tumors. A retrospective analysis of 42 patients. Cancer 1988; 61: 349-57
- Scheithauer BW, Woodruff JM, Erlandson RA. Tumors of the peripheral
nervous system. In Atlas of tumor pathology. AFIP 1999;303-411
- Burger PC, Scheithauer BW. Tumors of the central nervous system. In
Atlas of tumor pathology. AFIP 1994; 339-341
- Ramanathan RC, Thomas JM. Malignant peripheral nerve sheath tumours
associated with von recklinghausen's neurofibromatosis. Eur J Surg Oncol
1999; 25(2): 190-3
- Woodruff JM. Pathology of tumors of the peripheral nerve sheath in
type 1 neurofibromatosis. Am J Med Genet 1999; 89(1): 23-30
- Dini M, et al.. Malignant tumors of the peripheral nerve sheath (MPNST)
after irradiation. Pathologica 1997; 89 (4): 441-5
Zur vorhergehenden Seite
|