|
DOP Originalbeiträge
XXIX. Jahrestagung der Deutschsprachigen
Ophthalmopathologen (DOP)
27. und 28. September 2001, Essen
Neuromyelitis optica
Dr. Gesa-Astrid Hahn
Universitäts-Augenklinik, Schleichstr.12, D-72076 Tübingen
Klinik
In der Anamnese
eines 11 jährigen Jungen bestand seit 1998 eine längere Periode
mit Übelkeit, Erbre-chen und Gewichtsabnahme. Eine kernspintomographische
Untersuchung 3/98 ergab einen unauffälligen Be-fund. Seit Ende 1998
entwickelte sich eine rasche Progredienz der Beschwerden mit Ausbildung
einer Quadripa-rese im Januar 1999. Kernspintomographisch wurde eine intramedulläre
Raumforderung im Bereich C2-C4 nachgewiesen. Am 08.01.99 erfolgte die
Entfernung dieses Prozesses jedoch ohne Radikalität. Initial wurde
ein pilozytisches Astrozytom Grad I diagnostiziert. Der postoperative
Verlauf war unkompliziert mit weitgehender Rückbildung der neurologischen
Symptomatik.
Im Januar 2000 entwickelte sich eine Visusreduktion auf 0.08 am rechten
Auge ohne begleitende neurologische Symptome. Im Liquor fand sich weder
eine Pleozytose noch konnten eine intrathekale Immunglobulinsynthese oder
oligoklonale Banden nachgewiesen werden.
Primär wurde eine Steroidtherapie, welche später durch Azathioprin
ergänzt wurde, durchgeführt, ohne dass eine Visusbesserung erreicht
werden konnte. Die zuletzt im Juli 2000 durchgeführte kernspintomographische
Untersuchung ergab keine Parenchymläsionen und keine Demyelinisierungsherde.
Im Vergleich zu den Vorun-tersuchungen fand sich eine unveränderte
Konfiguration der Myelonveränderung zervikal mit segmentaler Erweiterung
des Zentralkanals im Sinne einer Hydromyelie.

Mikroskopisch
In den HE-Färbungen des Exzidats fand sich eine reaktive Astrozytose
durchsetzt von entzünd-lichen Infiltraten. Immunhistochemisch ließ
sich eine vaskuläre Akzentuierung der lymphozytären Infiltrate
nachweisen. Als Hinweis auf unspezifische reaktive Veränderungen
ließen sich mittels PGM 1 Makrophagen diffus im Gewebe darstellen.
Mit der Luxol fast blue Färbung gelang kein Nachweis regelhafter
Markscheiden. Markscheidenhaltige Makrophagen konnten ebenso nicht dargestellt
werden - entsprechend einer fast vollständi-gen Zerstörung des
Gewebes, welche auch die Axone einschloss.
Diagnose:
Neuromyelitis optica - Devic Myelitis
Zusammenfassung
Allbutt beschrieb erstmals 1870 das assoziierte Auftreten einer Sehverschlechterung
(Neu-ritis nervi optici) und einer Erkrankung des Spinalmarks (Myelitis).
1894 arbeitete Devic 16 bereits beschriebene Fälle mit Neuromyelitis
optica (NMO) auf, was zum Eponym Devic Myelitis führte. Es herrscht
Uneinigkeit, ob die Devic Myelitis eine Unterform der Multiplen Sklerose
(MS) oder ein eigenständiges Krankheitsbild ist. Bau-doin et al.
(1998) beschreiben auf dem Boden pathologischer Untersuchungen die Devic
Myelitis als eine sich von einer MS unterscheidende nosologischen Einheit.
Die Definition der Devic Myelitis schließt eine ein- oder beidseitige
Neuritis nervi optici und eine transverse Myelitis ein. Andere Läsionslokalisationen
bestehen - anders als bei einer MS - in der Regel nicht. Auch Liquor-
und kernspintomographische Befunde unterscheiden die NMO von einer MS:
Neutrophile Pleozytose oder mehr als 50 Zellen/mm3 Liquor wird häufig
bei der NMO, jedoch selten bei einer MS gefunden (25). Der Nachweis oligoklonaler
Banden im Liquor, die sich in 90% der Fälle mit MS nachweisen lassen,
ist für eine NMO unge-wöhnlich (15, 19, 20). In kernspintomographischen
Untersuchungen werden bei einer NMO initial zumeist nor-male bzw. unspezifische
Befunde dokumentiert (11, 15, 19, 10). Bisweilen können Läsionen
in der weißen Sub-stanz nachgewiesen werden ohne jedoch den radiologischen
Kriterien einer MS zu entsprechen. Bei einer MS finden sich nur in 1%
der Fälle normale Untersuchungsergebnisse. Ausgedehnte Läsionen
im Spinalmark finden sich bei der NMO, während sich Spinalmarksläsionen
beim Vorliegen einer MS selten über mehr als ein Ver-tebralsegment
erstrecken (15, 19, 23, 24, 13). Die aufgeführten Liquor- und kernspintomographischen
Befunde untermauern die Diagnose. Fehlen sie, ist die Diagnose einer NMO
jedoch nicht ausgeschlossen.
Seit der Erstbeschreibung der Neuromyelitis optica wurde die Ätiologie
ausgiebig diskutiert. In den seltensten Fällen konnte eine Ursache
gefunden werden. Ursächlich wird eine durch eine virale Erkrankung
getriggerte autoimmune Demyelinisierung angenommen (5, 12, 21, 17, 7,
3, 9). Eine Devic-Myelitis wird selten auch in Zusammenhang mit anderen
immunologischen Krankheitsbildern z. B. eines Lupus erythematodes beschrieben
(16, 6, 18).
Es werden eine monophasische und eine rekurrierende Verlaufsform unterschieden.
Das Intervall, innerhalb des-sen eine Neuritis nervi optici (NNO) oder
eine Myelitis auftreten, hilft eine Aussage darüber zu treffen, in
wel-cher Verlaufsform sich die Krankheit entwickeln wird. Bilaterales
Auftreten der NNO und Auftreten einer Mye-litis innerhalb eines Monats
lässt in der Regel einen monophasischen Verlauf vermuten. In den
meisten Fällen mit Wiederauftreten der Erkrankung lag primär
eine isolierte NNO oder Myelitis vor, die nach einem mehr als 3 Monate
betragenden Intervall von einem zweiten Schub gefolgt war. Weitere Charakteristika,
die mit dieser Ver-laufsform einhergehen sind weibliches Geschlecht, höheres
Alter bei Erstmanifestation und autoimmune Disposi-tion. Die Aussagen
hinsichtlich der Prognose sind uneinheitlich. Sebastian De La Cruz und
Lopez-Dolado (1999) sprechen von einer üblicherweise schlechten Prognose.
Bencherif et al. (2000) betonen, dass im Kindes-alter ein anderer klinischer
Verlauf anzunehmen ist. Es wird eine verhältnismäßig gute
Prognose sowohl hinsicht-lich des neurologischen Verlaufs als auch der
visuellen Entwicklung sowohl in Bezug auf die langfristige Rezi-divwahrscheinlichkeit
als auch das Auftreten von Dauerschäden beschrieben (12). Wingerchuck
et al. (1999) bewerten die Prognose in Abhängigkeit vom klinischen
Verlauf: In der retrospektiv ausgewerteten Gruppe von 71 Patienten unterschieden
sie Verläufe mit einmaligem von solchen mit zum Teil in Clustern
auftretenden Rezi-diven. Die rezidivgefährdeten Patienten zeigten
typischerweise ein langes Intervall zwischen der Manifestationen einer
Neuritis nervi optici bzw. einer (zervikalen) Myelitis. Der klinische
Verlauf bei dieser Gruppe ist mit einer entsprechend schlechten Prognose
behaftet. Der größte Teil dieser Patienten erlitt einen kompletten
Sehverlust (zumindest eines Auges) und eine Mobilitätseinschränkung.
In einem Drittel der Fälle ist ein Versagen der At-mung die Todesursache.
Auch diese Exazerbation ist im Verlauf einer Multiplen Sklerose eher untypisch.
Es finden sich keine standardisierten Therapieregime für die Erkrankung.
Mandler et al. 1998 verweisen auf eine Reduktion der Rückfallrate
nach Verabreichen einer Kombinationstherapie aus Prednison und Azathioprin.
Eine betroffene schwangere Patientin wurde erfolgreich mittels Lymphocytaplasmapheresis
therapiert. (1).
Literatur
- Aguilera AJ, Carlow TJ, Smith KJ, Simon TL. Lymphocytaplasmapheresis
in Devic´s Syndrome. Transfusion 1985;25:54-6
- Allbutt TC. On the ophthalmoscopic signs of spinal disease. Lancet
1870;1:76-8
- Ahsan HA, Rafiqueuddin AK, Chowdhury MA, Azhar MA, Kabir F. Neuromyelitis
optica following chicken Pox. Trop Doct 1994;24:75-6
- Baudoin D, Gambarelli D, Gayraud D, Bensa P, Nicoli F, Sudan N, Gastaut
JL, Viallet F. Devic´s neuromyelitis optica: a clinicopathological
review of the literature in connection with a case showing fatal dysautonomia.
Clin Neuropathol 1998;17:175-83
- Bencherif MZ, Karib H, Tachfouti S, Guedira K, Mohcine Z. Devic´s
neuromyelitis optica. A childhood case and review of the literature.
J Fr Ophthalmol 2000 ;23:488-90
- Bonnet F, Mercie P, Morlat P, Hocke C, Vergnes C, Ellie E, Viallard
JF, Faure I, Pellegrin JL, Beylot J, Leng B. Devic´s neuromyelitis
optica during pregnancy in a patient with systemic lupus erythematosus.
Lupus 1999;8:244-7
- Chusid MJ, Williamson SJ, Murphy JV, Ramey LS. Neuromyelitis optica
following varicella infection. J. Pediatr 1979;95:737-8
- Devic E. Myelite subaigue compliquee de neurite optique. Bull Med
1894;8:1033-4
- Dubreuil F, Cabre P, Smadja D, Quist D, Arfi S. Acute disseminated
encephalomyelitis preceding cutaneous lupus. Rev Med Interne 1998;19:128-30
- Fazekas F, Offenbacher H, Strasser-Fuchs S. MRI of neuromyelitis
optica: evidence for a distinct entity. J. Neurol Neurosurg Psychiatry
1994;59:1140-2
- Gil Neciga E, Salinas E, Arenas C. Devic´s optic neuromyelitis.
Follow up of the evolution of the medullary lesions using magnetic resonance.
Rev Neurol 1997;25:241-4
- Jeffery AR, Buncic JR. Pediatric Devic´s neuromyelitis optica.
J. Pediatr Ophthalmol Strabismus 1996;33:223-9
- Kidd D, Thorpe JW, Thompson AJ, Kendall BE, Moseley IF, MacManus
DG, McDonald WI, Miller DH. Spinal cord MRI using multi-array coils
and fast spin echo II. Findings in multiple clerosis. Neurology 1993;43:2632-7
- Mandler RN, Ahmed W, Dencoff JE. Devic´s myelitis optica: a
prospective study of seven Patients with prednisone and azathioprine.
Neurology 1998;51:1219-20
- Mandler RN, Davis LE, Jeffery DR, Kornfeld MK. Devic´s neuromyelitis
ioptica: a clinicopathological study of 8 patients. Ann Neurol 1993;34:162-8
- Margaux J, Hayem G, Meyer O, Kahn MF. Systemic lupus erythematosus
with optical neuromyelitis (Devic´s Syndrome. A care with 35-year
follow-up. Rev Rhum Engl Ed 1999;66:102-5
- Merle H, Smadja D, Cordoba A. Optic neuromyelitis and bilateral acute
retinal necrosis due to varicella zoster in a Patient with AIDS. J Fr
Ophthalmol 1998;21:381-6
- Mochizuki A, Hayashi A, Hisahara S, Shoji S. Steroid responsive Devic´s
variant in Sjogrens Syndrome. Neurology 2000;54:11391-2
- O´Riordan Ji, Gallagher HL, Thompson AJ, Howard RS, Kingsley
DP,Thompson EJ, Mc Donald WI, Miller DH. Clinical CSF and MRI fin-dings
in Devic´s neuromyelitis optica. J Neurol Neurosurg Psychatry
1996;60:382-7
- Paty DW, Oger JF, Kastrukoff LF. MRI in the Diagnosis of multiple
sclerosis: prospective comparison of clinical evaluation, EP´s,
oligoclonal banding and CT. Neurology 1988;38:180-85
- Perez Garcia C, Maravi Petri E, Goni Itturalde R, Garcia Iturralde
R, Garcia Bragado F, Tellez Urech E, Iragui Madoz M, Rivero Puente A.
Devic´s Syndrome complicating a Mycoplasma Pneumoniae infection.
Rev Clin Esp 1987;181:29-31
- Sebastian de la Cruz F, Lopez-Dolado E. Devic´s optic neuromyelitis:
analysis of 7 cases. Rev Neurol 1999;28:476-82
- Tashiro K, Ito K, Maruo Y, Homma S, Yamada T, Fujiki N, Moriwaka
F. MR imaging of spinal cord in Devic disease. J Comput Assist Tomogr
1987;11:516-7
- Thielen KR, Miller GM. Multiple Sclerosis of the spinal cord: magnetic
resonance appearance. J Comput Assist Tomogr 1996;20:434-8
- Tourtelotte WW, Staugaitis SM, Walsh MJ, Shapshak P, Baumhefner RW,
Potvin AR, Syndulko K. The basis od intra-blood-brain-barrier IgG-Synthesis.
Ann Neurol 1985;17:21-27
- Wingerchuck DM, Hogancamp WF, O´Brien PC, Weinshenker BG. Ther
clinical course of neuromyelitis optica (Devic´s Syndrome). Neurology
1999;53:1107-14
Zur vorhergehenden Seite
|