DOP Originalbeiträge
XXVI. Jahrestagung der Deutschsprachigen Ophthalmopathologen (DOP)
17. und 18. September 1998 in Halle


Beitrag zur vergleichenden Ophthalmo-Morphologie: das Putenauge

Jens Martin Rohrbach

Universitäts-Augenklinik
Schleichstr. 12
D-72076 Tübingen

Die Veterinär-Ophthalmologie und damit verbunden die vergleichende Augenheilkunde entwickelten sich ab 1875 unter maßgeblichem Einfluß von Rudolf Berlin (1833-1897) und Oscar Eversbusch (1853-1912) (2). Diese aufblühende Disziplin der Ophthalmologie fand seinerzeit ihren Niederschlag in zahlreichen Handbuchartikeln und insbesondere in der "Zeitschrift für vergleichende Augenheilkunde", die von 1882 bis 1893 von Berlin und Eversbusch herausgegeben wurde. Heute existieren lesenswerte Bücher über Augenkrankheiten bei Haustieren (8,12) und bei Vögeln (3). Selbst wenn, wie Gustav Schleich bereits 1913 feststellte (7), die Tieraugenheilkunde in diagnostischer und therapeutischer Hinsicht immer "in einem auffällig weiten Abstand hinter der Humanaugenheilkunde zurückgeblieben ist", tragen doch gerade Betrachtungen von Morphologie und Pathologie tierischer Augen wesentlich zum Verständnis des menschlichen Pendants bei. Es soll das Auge einer Pute (Meleagris gallopavo) vorgestellt werden, welches nach Schlachtung des soweit bekannt gesunden Tieres unserem Labor übersandt und hier in üblicher Weise für die Histologie aufbereitet wurde.

Makroskopischer Befund:

Vogelauge ohne makroskopisch krankhaften Befund. Axiale Länge ca. 18 mm, Breite ca. 25 mm.

Mikroskopische Befunde:

1. Die Sklera ist durch Knorpel (Lamina cartilaginea) und Knochen (knöcherner Skleralring) stabilisiert.
2. Netzhaut und Hornhaut ähneln in ihrer Schichtung dem menschlichen Auge. Es ist eine Bowmansche Schicht ausgebildet. Die Retina ist vollständig avaskulär, die retinale Ganglienzelldichte nimmt zur Peripherie hin nur wenig ab. Am hinteren Pol findet sich ein Augenkamm (Pecten).
3. Der Kammerwinkel ist von zahlreichen uvealen Strängen durchzogen (Ligamentum pectinatum). Ein Trabekelwerk ist nicht differenziert. Anstelle eines "echten" Schlemmschen Kanals finden sich mehrere große, endothelial begrenzte Abflußkanäle.
4. Die Linse gleicht im Bau der menschlichen, der Zonulaapparat ist allerdings vergleichsweise gering entwickelt. Anteriore Fortsätze des Ziliarkörpers sind an der Linse adhärent.
5. Im Bereich des Ziliarkörpers und der Iris finden sich quergestreifte Muskelbündel, die zum Teil direkt an den Abflußkanälen und an der peripheren Hornhaut (-> Möglichkeit der "Hornhaut-Akkommodation") inserieren.

Diskussion:

Beim Vogelauge sind durchgehend gewisse morphologische Grundprinzipien (z.B. knöcherner Skleralring, avaskuläre Retina, Pecten, quergestreifte Binnenmuskulatur) verwirklicht, wenngleich die sehr verschiedenen Aktivitäten der Tiere (tag- und nachtaktive Vögel, tauchende Vögel) eine erhebliche Variabilität der Morphologie erfordern (3,5). Besonders erwähnenswert erscheinen uns die quergestreiften intraokularen Muskelbündel, die es dem Tier erlauben, Pupillenweite und Akkommodation willkürlich zu steuern. Interessant sind die an den großlumigen Abflußkanälen inserierenden quergestreiften Muskelbündel, welche wahrscheinlich eine aktive Regulierung des Kammerwasserabflusses und damit des Augeninnendruckes erlauben. Des weiteren scheint bei Vögeln eine Kammerwasserdrainage über choroidale, lymphatische Gefäße zu existieren (9). Konsekutiv gibt es, soweit bekannt, bei Vögeln fast nur (verletzungs- oder entzündungsbedingte) Sekundärglaukome, aber bis auf wenige Ausnahmen keine primären Glaukome (4). Rein unter dem Aspekt des Glaukoms betrachtet ist das Vogelauge damit effektiver gebaut als das menschliche, welches lediglich über rudimentäre glatte Muskelzellen im Skleralsporn und den mit seinen verschiedenen Sehnen am Schlemmschen Kanal inserierenden glattmuskulären und damit nicht willkürlich aktivierbaren Ziliarkörper verfügt (6,11). Das menschliche Auge benötigt daher noch eher als das Vogelauge - hier könnte der Druckfühler im Pecten lokalisiert sein - einen autonomen Drucksensor, der eventuell im Skleralsporn liegt (10). Es ist gezeigt worden, daß die meridionale Portion des menschlichen Ziliarmuskels histochemische Ähnlichkeiten mit quergestreifter Muskulatur aufweist (1), so daß hierin möglicherweise ein Relikt des Vogelziliarkörpers zu sehen ist.

Literaturauswahl:

  1. Flügel C, Lütjen-Drecoll E, Bárány E. Über strukturelle Unterschiede im Aufbau des Ziliarmuskels des Primatenauges. Fortschr Ophthalmol 1990;87:384-387
  2. Königshöfer O. Die Geschichte der vergleichenden Augenheilkunde, insbesondere ihre Entwickelung unter dem Einfluss der Thierärztlichen Hochschule in Stuttgart. Zeitschrift für Thier-Medizin 1898: 81-94
  3. Korbel R. Textband der Augenkrankheiten bei Vögeln. Veterinärmedizinische Habilitationsschrift München, 1994
  4. Korbel R. Persönliche Mitteilung, 1998.
  5. Ravelhofer K. Pathologisch-anatomische Untersuchungen an Augen verschiedener Vogelspezies. Vet. Diss. München, 1996
  6. Rohen JW. The evolution of the primate eye in relation to the problem of glaucoma. In: Lütjen-Drecoll E. Basic aspects of glaucoma research. Schattauer Verlag Stuttgart 1982: 3-33
  7. Schleich G. Kurzer Abriß der Geschichte der Tier-Augenheilkunde. Centralblatt für Augenheilkunde 1913;37:292-298
  8. Schmidt V. Augenkrankheiten der Haustiere. Enke Verlag Stuttgart, 1988.
  9. Stefano ME de, Mugnaini E. Fine structure of the choroidal coat of the avian eye. Invest Ophthalmol Vis Sci 1997;38:1241-1260
  10. Tamm ER, Flügel C, Stefani FH, Lütjen-Drecoll E. Nerve endings with structural characteristics of mechanoreceptors in the human scleral spur. Invest Ophthalmol Vis Sci 1994;35:1157-1166
  11. Tamm ER, Koch TA, Mayer B, Stefani FH, Lütjen-Drecoll E. Innervation of myofibroblast-like scleral spur cells in human and monkey eyes. Invest Ophthalmol Vis Sci 1995;36:1633-1644
  12. Walde I, Schäffer EH, Köstlin RG. Atlas der Augenerkrankungen bei Hund und Katze. Schattauer Verlag Stuttgart, 1997

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