DOP Originalbeiträge
XXVII. Jahrestagung der Deutschsprachigen Ophthalmopathologen (DOP)
am 21. und 22. September 1999, Universitäts Krankenhaus Eppendorf


Neue therapeutische und morphologische Aspekte zur arteriellen Hypertonie und zum Diabetes mellitus
Chemokine

Ulrich Otto Wenzel

Universitätskrankenhaus Eppendorf,
Medizinische Klinik, Abteilung Nephrologie und Osteologie,
Martinistr. 52,
20246 Hamburg
Tel: 040-42803-4786
Fax: 040-42803-5186
E-Mail: wenzel@uke.uni-hamburg.de

Schon im 19. Jahrhundert war erkannt worden, daß Entzündungen gekennzeichnet sind durch die Einwanderung von Leukozyten aus der Blutbahn in das Gewebe. Inzwischen wissen wir, daß Leukozyten auch an der Pathogenese von nichtentzündlichen Erkrankungen, wie Diabetes mellitus, akutem Nierenversagen, Hydronephrose oder Restenose nach Ballonangioplastie, beteiligt sind. Erst seit wenigen Jahren ist bekannt, daß die Einwanderung der Leukozyten durch die Familie der sogenannten Chemokine koordiniert wird. Der Ausdruck Chemokine steht für chemotaktische Zytokine. Nicht alle Zytokine, die chemotaktisch sind, sind auch gleich Chemokine, denn die Zugehörigkeit zur Familie der Chemokine beruht nicht auf funktionellen, sondern vielmehr auf strukturellen Eigenschaften. Was sind Chemokine? Chemokine sind kleine Eiweiße mit einem Molekulargewicht um 10 Kilodalton. Über 40 verschiedene Chemokine sind inzwischen entdeckt worden. Die Namen der Chemokine reflektieren meistens mehr historische Zufälle als ihre Funktion. Die Vielfalt der Bezeichnungen reicht vom Prosaischen (PF4 für Plättchen Faktor 4) zum Weitschweifigen (RANTES für Regulated upon activation normal T cell expressed and secreted). Obwohl die Chemokine erst vor wenigen Jahren entdeckt worden sind, sind sie inzwischen das Thema von vielen tausend wissenschaftlichen Veröffentlichungen. Es konnte gezeigt werden, daß Chemokine die Einwanderung von Leukozyten in Organen wie Leber, Lunge und Niere verursachen und koordinieren. Nur sehr wenige Arbeiten existieren über die Rolle von Chemokinen bei Augenerkrankungen.

Auch wenn die Chemokine zunächst als chemotaktische Eiweiße beschrieben wurden, zeigt sich immer mehr, daß sie auch Eigenschaften besitzen, die weit über eine reine Chemotaxis hinausreichen. Die Erkenntnis, daß Chemokine sowohl eine HIV-Infektion verhindern können als auch dazu beitragen können, das Voranschreiten der HIV-Infektion zu verlangsamen, hat das allgemeine Interesse an Chemokinen gesteigert. Wir wissen inzwischen, daß HIV zwei Moleküle auf der Zelloberfläche braucht, um eine Zelle zu infizieren: das CD4-Molekül und einen

Chemokinrezeptor. Blockade des Chemokinrezeptors mit einem Chemokin oder Mutationen im Rezeptormolekül können die Infektion verhindern. Neben Entzündung und HIV haben Chemokine aber auch in so verschieden Feldern wie Embryonalentwicklung, Angiogenese, Narbenbildung, Neuronalentwicklung und Hämatopoese eine Bedeutung.

Die Messung von Chemokinen in so unterschiedlichen Flüssigkeiten wie Blut, Urin, Gelenkflüssigkeit oder bronchoalveolärer Lavage wird bereits zur Diagnostik verwendet. Der Einsatz von neutralisierenden humanisierten Antikörpern oder Chemokinrezeptor-Antagonisten ist ein vielversprechender Ansatz für so verschiedene Erkrankungen wie HIV-Infektion, Rheumatoide Arthritis, Transplantatabstoßung oder granulomatöse Erkrankungen der Lunge.

Weitere Erkenntnisse über die präzise Rolle von Chemokinen bei entzündlichen und nichtentzündlichen Erkrankungen zu gewinnen, und die rasche Umsetzung in die klinische Diagnostik und Therapie sind auch am Auge eine fruchtbare und interessante Aufgabe für die kommenden Jahre.


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